Stand: 10.06.2026 • 08:20 Uhr

Wie viele Daten von Fans sind vor der WM an die US-Sicherheitsbehörden gegangen? Keine, behauptet die Bundesregierung. Die Fraktionen von Bündnis90/Die Grünen und Die Linke zweifeln - und fordern im Bundestag eine umfassende Reform der Datei Gewalttäter Sport.

In erster Linie, sagt Helge Limburg, Bundestagsabgeordneter von Bündis90/Die Grünen, gehe es darum, alle Innenminister noch einmal unter Druck zu setzen. Deren Konferenz findet vom 17. bis 19. Juni in Hamburg statt. Limburg hegt den Verdacht, dass viele Minister die Rechte von Fußball-Fans längst nicht mehr im Blick haben. Für gehobenes Interesse an dem Thema sorgt auch die globale Ebene: Fußball-Weltmeisterschaft. Über welche Fan-Daten verfügen zum Beispiel die strengen US-Sicherheitsbehörden?

"Ich befürchte, dass dies für Fans die repressivste Fußball-WM seit langem sein wird", glaubt der Innenpolitik-Experte Limburg, und auch in Deutschland gäbe es eine Tendenz zu immer mehr Überwachung der Fans. Die umstrittene Polizei-Datenbank Datei Gewalttäter Sport (DGS) steht einmal mehr im Fokus, betont Limburg gegenüber der Sportschau: "Das sind alles hochsensible, personenbezogene Daten, die nicht nur im Kontext der kommenden Fußball-WM, sondern auch noch in den kommenden Jahren erhebliche Probleme für betroffene Personen mit sich bringen können."

Die Grünen und Die Linke haben das Thema deshalb auf die Tagesordnung des Bundestages setzen lassen. Mittwoch, 10. Juni, um 19 Uhr werden beide Anträge gemeinsam behandelt. Denn es laufe viel schief in Fußball-Deutschland, beklagen beide Fraktionen.

Laut Zentraler Informationsstelle Polizeieinsätze (ZIS) gab es in der Saison 2024/25 einen signifikanten Rückgang von Strafverfahren und Verletzten rund um die ersten vier Ligen in Deutschland, in Europapokal-, Pokal- und Länderspielen - um jeweils rund 18 Prozent. Die Linken-Fraktion kommt bei Auswertung aller relevanten Zahlen sogar auf 22 Prozent weniger Strafverfahren. Sogar die ZIS spricht in ihrem Bericht von einer "leichten Entspannung der Sicherheitslage".

Die Zahl der in der Datei Gewalttäter Sport (DGS) erfassten Fans bleibt dennoch hoch. Laut Antwort der Bundesregierung im Mai auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, sind darin aktuell bundesweit 6.740 Personen gespeichert.

Jan Köstering, Linken-Bundestagsabgeordneter, sagt, laut eigener Recherchen stünde jeder Fünfte ohne eine einzige Straftat in der Datei. Er hat auf eine Kleine Anfrage im April die Antwort von der Bundesregierung erhalten, dass 1108 Fans nur aufgrund einer "Identitätsfeststellung zur Verhinderung anlassbezogener Straftaten" gespeichert worden seien: "Diese Datei muss dringend reformiert werden" , findet Köstering. "Die Innenminister fordern aber immer härtere Überwachungsmaßnahmen für die Stadien, obwohl die Zahlen eine gegenteilige Sprache sprechen."

Grünen-Politiker Limburg formuliert es so: "Fußball wird immer friedlicher. Es ist völlig unverständlich, dass offensichtlich die Schwelle, Personen in der Gewalttäterdatei Sport abzuspeichern, herabgesenkt worden ist." Der häufigste Grund für einen Eintrag sei laut Die Linke Landfriedensbruch, doch direkt danach folgten Speicherungen, die keinerlei Straftat zugeordnet sind. Stadien würden somit zu "Versuchslaboren", sagt Köstering: "Was heute im Stadion erprobt wird, landet morgen auf Demonstrationen oder im öffentlichen Raum." Der Grünen-Abgeordnete Limburg betont: "Wir brauchen höhere Hürden für die Erstspeicherung. Wir brauchen kürzere Fristen, wann gelöscht wird, wenn kein neuer Vorfall dazukommt."

Und hier kommt dann auch die WM ins Spiel: So müssten Fans, die in der DGS gespeichert sind, bei Auslandsreisen mit intensiveren Kontrollen an den Grenzen rechnen. Man habe versucht zu ergründen, ob und wie viele Daten aus der Datei den WM-Veranstalterländern übermittelt wurde, berichtet Limburg. Antwort des Bundesregierung: keine. Es sei derzeit auch keine "strukturelle Übermittlung beabsichtigt", heißt es in der Antwort an Die Linke.

Dieser Begriff macht die Politiker misstrauisch. Und auch die Fans. Wie werden diese Daten von ihnen verarbeitet, wohin fließen sie? 2025 gab rund 2.000 Auskunftsersuchen von Fußball-Fans, die wissen wollen, ob sie in der Datei auftauchen. Ein Anstieg um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis Mai diesen Jahres hatten bereits rund 1.200 Fans ein solches Ersuchen gestellt. So steht es in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linksfraktion.

"Das wachsende Misstrauen der Betroffenen" sei kein Zufall gegenüber einer Datei, "deren Kriterien und Folgen für viele kaum nachvollziehbar sind", sagt Jorrit Bosch. Seine Fraktion fordert deshalb, dass eine Weitergabe dieser Daten nur erlaubt sein dürfe, wenn gegen die Betroffenen ein Ausreiseverbot verhängt wurde.

Was die Linken zudem argwöhnisch macht: Seit September 2025 habe es mehrere Arbeitstreffen von deutschen und US-amerikanischen und kanadischen Behörden gegebe, um die polizeiliche Zusammenarbeit abzustimmen. Bosch: "Das deutsche Beamte zu einer Weltmeisterschaft entsandt werden, ist nicht das Problem. Das eigentliche Problem ist, mit wem sie dort kooperieren sollen: einem US-Sicherheitsapparat, der wegen diskriminierender Einreisekontrollen, Racial-Profiling-Vorwürfen und einer zunehmend autoritären Sicherheitsarchitektur massiv in der Kritik steht." Dass die ersten Teamoffiziellen und mit Omar Atan sogar ein somalischer Schiedsrichter nicht ins Land gelassen wurde "zeigen, wo die Reise hingeht", so Bosch.

Auch Helge Limburg von den Grünen befürchtet, es werde rund um die WM gewaltig "Schindluder mit Daten" betrieben: "Wenn Sie sich als Fußballfan auf ein Ticket in den USA beworben haben, dann zwingt die FIFA Sie eine Vielzahl von Daten preiszugeben, und von denen können wir eben nicht sicher sein, in welche Hände sie gelangen." Mancher Fan dürfte mit großen Bauchschmerzen in die Vereinigten Staaten reisen.

Limburg wollte ursprünglich selbst WM-Tourist sein - er verzichtet. "Es ist damit zu rechnen, dass eine Vielzahl der deutschen Fans entweder bei der Einreise oder dann auch vor Ort massive Probleme mit US-amerikanischen Sicherheitsbehörden bekommen wird." Die Grünen haben deshalb die Bundesregierung gefragt, inwiefern betroffene Fans vor Ort Hilfe bekommen würden. Die Antwort fiel aus Sicht der Fraktion vor einigen Wochen enttäuschend aus, so Limburg: "Uns haben sie gesagt, sie machen nichts Besonderes." Immerhin habe er aber mittlerweile Hinweise, dass der DFB das auch so nicht hinnehmen wollte und es zumindest zusätzliche Fan-Botschaften mit zusätzlichen Konsular-Mitarbeitern geben wird.

Unabhängig von der WM sei aber die Tendenz auch in Deutschland bedenklich. "Insbesondere im Kontext der Innenministerkonferenz sehen wir jetzt seit Monaten einen verschärften Diskurs", sagt Limburg, "Fans werden quasi als Sündenböcke der Gesellschaft ausgemacht. Und unter Generalverdacht gestellt."

Linke und Grüne sind deshalb strikt gegen Videoüberwachung und den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware. Sie lehnen ferner personalisiertes Ticketing ab und fordern ein Zeugnisverweigerungsrecht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Fanprojekten. "Fankultur schützen - Dialog statt Repression, Mitbestimmung statt Diskriminierung" lautet das Motto der Linken-Fraktion, die zusätzlich ein gemeinsam mit Fan-Oragnisationen erarbeitetes Positionspapier einbringen wird. Es seien jetzt endlich "Zeichen der Deeskalation" von Seiten der Bundesregierung nötig.

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