Stand: 07.11.2026 • 16:59 Uhr
Die Zahl junger Erwachsener ohne Berufsabschluss ist alarmierend. Sie haben schlechtere Chancen am Jobmarkt und verdienen weniger. Zugleich suchen viele Unternehmen Fachkräfte.
Von Nicole Würth, SR
Eine Ausbildung als Pflegefachfrau: Das war Sara Krämers Wunsch. Doch als alleinerziehende Mutter hatte die 22-Jährige keine Chance. Denn die üblichen Arbeitszeiten in einer Klinik sind für sie nicht machbar. "Ich habe eine fast dreijährige Tochter, und sie geht noch in den Kindergarten. Der öffnet erst um sieben Uhr morgens, und in der Vollzeitausbildung fängt es in der Praxis schon um sechs Uhr morgens an. Das würde zeitlich einfach bei mir nicht hinhauen", beklagt sie.
Am Katholischen Klinikum im Bochum kann sie dennoch durchstarten - mit einer Ausbildung in Teilzeit. Statt drei Jahre dauert diese vier Jahre. Dafür ist die wöchentliche Arbeitszeit reduziert. Die Idee dazu kam von der Pflegeschule BIGEST in Bochum. Pflegepädagogin Bettina Lenk erklärt, ohne Teilzeitausbildung würden sehr wertvolle Mitarbeitende dem Arbeitsmarkt verloren gehen. Angesichts des demographischen Wandels brauche man diese aber. Die Teilzeitausbildung sei damit eine Win-Win-Situation.
Nach Angaben des Berufsbildungsberichtes 2026 sind mittlerweile 2,76 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 20 und 34 ohne Berufsabschluss. Das ist nahezu jeder Fünfte in dem Alter. Auch die Bundesagentur für Arbeit schlägt Alarm. Am 30. Oktober stellte sie jüngst die aktuelle Ausbildungsmarktbilanz vor. Danach haben sich die Chancen für Ausbildungssuchende weiter verschlechtert.
"179.000 Bewerberinnen und Bewerber haben eine Ausbildungsstelle gefunden. Das sind 12.000 weniger als im Vorjahr", sagt die Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles. Das entspreche einem Anteil von 40 Prozent an allen gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern. "Das ist leider der geringste Anteil seit der Wiedervereinigung", so Nahles weiter.
Jan Krüger, Abteilungsleiter Bildungspolitik und Bildungsarbeit vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Berlin, ordnet ein, was das für die betroffenen jungen Menschen bedeutet: "Sie sind im Prinzip, bevor ihr Erwerbsleben angefangen hat, eigentlich schon auf dem Abstellgleis gelandet. Denn wir wissen genau für diese Personengruppe ist das Risiko, arbeitslos zu werden, ist das Risiko, in prekärer Beschäftigung zu landen, ungleich höher." Und man sehe gerade in dieser Gruppe unterbrochene Erwerbsbiografien und ein Einkommen, das nicht zum Leben reiche.
Warum so viele junge Menschen ohne Berufsabschluss bleiben, beschäftigt auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. "Wir haben zwei besondere Phänomene im Ausbildungsmarkt: eine zurückhaltende Ausbildungsbereitschaft bei den Betrieben aufgrund der wirtschaftlichen Situation und zum anderen das Thema der Passung zwischen Ausbildungsangebot und Ausbildungsnachfrage", erklärt Präsidentin Sandra Garbade. Bei dieser Art der Passung müsse man besser werden, "um Jugendliche sehr schnell und zügig mit den passenden Ausbildungsbetrieben zusammenzuführen".
Hohe Mieten erschweren es zudem jungen Menschen, für eine Ausbildung in Ballungsgebiete zu ziehen. Dort kostet ein WG-Zimmer häufig über 700 Euro. Junge Menschen ohne finanziellen Rückhalt der Eltern finden kaum eine Unterkunft. Eine Lösung bietet das Kolping Jugendwohnen in Frankfurt am Main, ein Wohnheim ausschließlich für Azubis. Während ihrer ersten Berufsausbildung können sie hier unterkommen.
Die Warmmiete ist abhängig von dem Azubigehalt und beinhaltet einen Internetzugang. "Ich bin in der Kategorie bei 200 Euro, und so allgemein könnte ich mir eine Wohnung gar nicht leisten. Von 700 Euro Warmmiete wäre bei mir nichts übrig. Ich könnte mir wahrscheinlich nicht mal leisten, ins Kino oder ins Stadion zu gehen", sagt Nicklas Wagner, der dort lebt.
Im Azubiwohnen wird umgesetzt, wozu viele Experte raten: Die jungen Menschen können sozialpädagogische Hilfe in Anspruch nehmen. "Wenn es Stress gibt mit der Berufsschule, können wir unterstützen, indem wir Nachhilfe vermitteln. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir direkt mit den Ausbildern gesprochen und geguckt haben, ob wir eine Ausbildung, die vielleicht auf der Kippe steht, retten können", erzählt Einrichtungsleiter Tim Arndt.
Eine weitere Herausforderung ist der Übergang von der Schule ins Berufsleben. Christian Weber von der Agentur für Arbeit in Frankfurt am Main berät viele junge Menschen: "Es ist ein Mismatch zwischen Jugendlichen und Arbeitgebenden." Viele Arbeitgeber hätten eine ganz bestimmte Vorstellung davon, was für einen Auszubildenden sie gerne hätten. "Was wir aber bei uns in den Schulen haben, sind häufig auch Jugendliche, die vielleicht den ein oder anderen Bedarf haben, dass man sie in der Ausbildung noch mal intensiver fördert, wofür aber viele Unternehmen gar nicht die Kapazitäten haben", sagt Weber.
Laut Sandra Garbade vom Bundesinstitut für Berufsbildung belegen Studien dabei eindeutig, dass betriebliche Praktika ein Schlüssel für den Ausbildungserfolg seien - vor allem deshalb, weil der erste Moment einer praktischen Erfahrung ganz anders sei, als immer im Klassenraum etwas präsentiert zu bekommen.
Die Politik kennt diese Probleme. Laut Koalitionsvertrag will sie die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsabschluss senken. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert indessen ein größeres Engagement. "Ich erwarte, dass eine Bundesregierung sich diesem Thema viel, viel stärker widmet", sagt Jan Krüger, Abteilungsleiter Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB. Man sehe, dass die Ausbildungsgarantie, so wie sie unter der Ampelregierung eingeführt wurde, nicht unbedingt funktioniert. "Und wir wünschen uns auch hier deutliche Nachschärfungen", so Krüger weiter.
Gute Beispiele - wie die Klinik in Bochum, die jungen Müttern eine Teilzeitausbildung ermöglicht, oder das Kolpinghaus mit bezahlbaren Azubiwohnen und sozialpädagogischer Unterstützung - zeigen, wie gezielte Förderung gelingen kann. Entscheidend ist, jungen Menschen eine echte Chance auf eine Ausbildung zu geben und sie auf ihrem Weg ins Berufsleben nicht zu verlieren. Davon profitieren nicht nur die Auszubildenden selbst, sondern auch die Unternehmen.
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