Acht Jahre hat der südkoreanische Meisterregisseur Lee Chang-dong für seinen neuen Film gebraucht, und was für einer es ist! Nach dem gefeierten Thriller Burning kommt der Netflix-Film Possible Love – und zwar nicht nur auf die Streaming-Plattform (nächsten Monat ist es so weit), sondern auch für kurze Zeit ins Kino. Ich hatte bereits das Glück, den Film zu sehen, und war rundherum begeistert vom zweifellos besten Netflix-Film dieses Jahres.
Possible Love ist mit seinen 164 Minuten Laufzeit erstmal ein Brett, macht die Länge aber mit der thematischen Dichte, dem unterschwelligen Humor und einer Wucht wett, die hinter dem sparsamen Äußeren zunächst nicht zu erwarten wäre.
Im Mittelpunkt stehen zwei Paare mit extrem unterschiedlichem sozialen Hintergrund. Der Schweißer Ho-seok (Sol Kyung-gu) und seine Ehefrau Mi-ok (Jeon Do-yeon) kämpfen sich durch den Alltag. Sie gehören zu den mittlerweile klassischen Helden südkoreanischer Serien und Filme, die auch hierzulande Wellen schlagen. Charakterlich sind sie nicht so nah dran an der Familie aus Parasite oder dem verschuldeten Gi-hun aus Squid Game, aber sie alle eint, dass sie von der sozialen Ungleichheit in ihrer Heimat fast in die Knie gezwungen werden.
Das Paar aus Possible Love hat dabei nicht nur mit Entlassungen zu kämpfen, sondern auch mit brutaler Staatsgewalt bei der Niederschlagung eines Streiks. So wird die angehende Dokumentarfilmerin Ye-ji (Jo Yeo-jeong aus Parasite) auf die beiden aufmerksam. Sie wittert eine Geschichte. Ihr Ehemann Sang-woo (Zo In-sung), ein vermögender Firmenerbe findet aus anderen Gründen Interesse an der tapferen Mi-ok, in deren Augen Jahre der Entbehrung durchblitzen.
Ich habe Possible Love zur Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig gesehen und kam hinterher ganz berauscht aus dem Kino auf dem Lido. Entsprechend enttäuscht war ich, als der Hauptpreis des Festivals an einen anderen Film ging, aber zumindest gab's den Großen Preis der Jury (sozusagen den zweiten Platz auf dem Treppchen) als Belohnung. Mein Fazit lautete damals:
Possible Love kommt am 22. Oktober in ausgewählte deutsche Kinos, darunter sind:
Weitere Spielstätten findet ihr in den nächsten Tagen im Kinoprogramm.
Obwohl der Film nicht gerade mit einem Effektegewitter prahlt, solltet ihr die Chance, den 164-Minüter im Kino zu sehen, nicht an euch vorbeiziehen lassen. Possible Love bietet nämlich zum einen lauter kleine Details, die das sozialkritische Fundament des Films so ungeheuer vielschichtig gestalten. Von der Handtasche über den Autotyp bis zum Outfit drückt der Film auch im Hintergrund viel Ungesagtes über die Privilegien und Ängste seiner Figuren aus und entwickelt so eine zunehmend angespannte Atmosphäre, die in einem grandiosen Finale kulminiert.
Zum anderen muss man sich zu 100 Prozent auf die Erzählweise einlassen, damit Possible Love seine Wirkung entfaltet. Hier ist der Blick aufs Handy verboten! Belohnt wird das mit einem extrem aktuellen, berührenden und schlussendlich überwältigenden Film, wie es ihn nur selten zu sehen gibt.
Possible Love startet am 22. Oktober in ausgewählten Kinos. Zu Netflix kommt der Film dann am 6. November.
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