Stand: 30.10.2026 • 12:00 Uhr
Das Bündnis "Fanszenen Deutschlands" hat für die Neuregelung von 50+1 eine konsequente Beendigung der Ausnahmen gefordert. Für den Fall einer Klage von Konzernen formuliert es eine Drohung - und greift auch den DFB an.
"Die Empfehlungen des Kartellamts müssen schnellstmöglich umgesetzt werden", schreibt das Bündnis in einer Stellungnahme und fordert ein Bekenntnis aller Vereine zu 50+1. "Ein solches Bekenntnis geht nur Hand in Hand mit dem Ende aller Ausnahmen und Umgehungsversuche. Es gibt keinen Raum für faule Kompromisse mit VW, Bayer und Red Bull." Das Bündnis ist ein organisatorischer Zusammenschluss mehrerer, aber nicht aller Fanszenen von Vereinen aus Deutschland.
Schon bei den Pokalspielen unter der Woche gab es Protestaktionen. Fans des 1. FC Nürnberg zeigten ihrem Gegner Bayer Leverkusen symbolisch die Rote Karte und forderten: "50+1 umsetzen". Diese Forderung machten sich bemerkenswerterweise auch Fans von Leverkusen zu eigen. Für das Wochenende ist mit ähnlichen Aktionen zu rechnen.
Fans von Bayer Leverkusen mit der Forderung: "50+1 umsetzen"
Mit Blick auf mögliche rechtliche Auseinandersetzungen bei 50+1 formulieren die Fanszenen eine Drohung: "Den Konzernen, die offen über eine Klage nachdenken, sei abschließend nur eins gesagt: Überlegt euch gut, ob ihr zum Feindbild von Fußballdeutschland werden wollt. Mit uns ist nicht zu spaßen."
Die "Fanszenen Deutschlands" spielten eine prägende Rolle bei den Protesten um die gescheiterten Investorenpläne der Bundesliga 2024 - mit Tennisbällen, Schokotalern und ferngesteuerten Spielzeugautos. Dabei ging es am Ende mehr um 50+1 als um die Investorenpläne, weil bei der letzten Abstimmung darüber ein möglicher Verstoß gegen Sinn und Zweck der Regel durch Hannover 96 vermutet worden war. Neue Proteste in dieser Qualität zu 50+1 sind nach Informationen der Sportschau eine große Sorge im Ligaverband.
Tennisbälle 2024 auf dem Rasen bei Protesten von Fans in der Bundesliga
Das Bundeskartellamt hatte 50+1 als grundsätzlich mit europäischem Recht vereinbar eingeschätzt, solange diese für alle Klubs gleichermaßen angewendet wird. Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg sind aber offiziell von der Regel ausgenommen und werden zu 100 Prozent von ihren Mutterkonzernen Bayer AG und Volkswagen AG getragen. Die Ansicht des Bundeskartellamts war deutlich: Wenn die 50+1-Regel rechtssicher angewendet werden soll, dürfen diese Ausnahmen nicht weiter bestehen.
Das Bundeskartellamt legt aber keine Rechtsprechung fest, das können nur Gerichte. Zwei Flanken sind dabei offen:
Das Bundesliga-Präsidium warnte deshalb vor Schnellschüssen mit einer Durchsetzung der Regel ohne Übergangsfristen. Daraus könne ein Rechtsstreit folgen, der die Regel in Gefahr bringt statt sie zu stärken, so die Argumentation. Deshalb sprach sich das Präsidium für den Erhalt der Regel, aber auch für eine "konsensuale Lösung" unter Einbeziehung aller Klubs aus - also auch jener, deren Strukturen geändert werden sollen.
* Ligapräsident ** 1. Vizepräsident *** 2. Vizepräsident
Das Amt bemängelte neben den Ausnahmen für Leverkusen und Wolfsburg bei RB Leipzig eine fehlende Offenheit für stimmberechtigte Neumitglieder und beim Ligaverband eine fehlende Systematik, um sicherzustellen, dass Klubvertreter wie von ihren Vereinen gewünscht abstimmen. Auch für diese beiden Themen muss das Bundesliga-Präsidium eine Lösung finden.
Die Suche nach einem Kompromiss wird schwierig, weil entscheidende Änderungen im Raum stehen. Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg müssten für eine Gleichbehandlung aller Klubs grundsätzlich die Mehrheit ihrer Stimmanteile an einen mitgliederbestimmten Verein übertragen. Dessen gewählte Vertreter müssten im Sinne der 50+1-Regel eigentlich weitreichende Befugnisse haben - möglicherweise bis zur Abberufung oder Bestellung eines Geschäftsführers. Spätestens hier wird sich die Frage stellen, wer welche Kompromisse eingehen darf und will.
Die Volkswagen AG hält 100 Prozent der Stimmrechte beim VfL Wolfsburg.
Das Präsidium des Ligaverbands der 36 Klubs aus der Bundesliga und der 2. Bundesliga hatte Anfang Oktober mitgeteilt, einen Lösungsvorschlag im ersten Halbjahr 2027 vorzulegen. Im Dezember steht eine Mitgliederversammlung der 36 Klubs an, bei der sich das Präsidium des Ligaverbands sein Vorgehen bei der Suche nach einem Kompromiss in einer Abstimmung legitimieren lassen will.
Auch zu diesem Termin äußern sich die Fanszenen. "Der Aushöhlung von 50+1 bei Abstimmungen der Bundesliga muss ab sofort ein Ende gesetzt werden", heißt es in der Mitteilung. "Wir erwarten entsprechende Beschlüsse und eine offene Abstimmung im Dezember."
Die 50+1-Regel führte der DFB Ende der 90er Jahre ein, um den Einfluss von Kapitalgebern einzuschränken. 50+1 ist auch in der Satzung des DFB verankert, nicht nur in den Statuten der Bundesliga. "Der Deutsche Fußball-Bund muss endlich aufhören, unbeteiligt am Spielfeldrand zu sitzen, als hätte er mit der wichtigsten Grundsatzfrage des deutschen Fußballs nichts zu tun", schreiben die Fanszenen. "Wir erwarten ein klares Bekenntnis zum basisnahen Fußball und eine Absage an Kapitalinteressen."
DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig
Der DFB hatte sich mehrfach für die 50+1-Regel ausgesprochen, zuletzt kündigte Geschäftsführer Andreas Rettig im "Kicker" aus Anlass der Bundesliga-Versammlung im Dezember ein "klares Commitment" des Verbands zur 50+1-Regel an.
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