Stand: 18.05.2026 • 07:53 Uhr
Hausarztpraxen geraten immer mehr ins Visier von Finanzinvestoren. Das hat Folgen für Patienten. Hausärzte sehen die medizinische Grundversorgung in Gefahr.
Von Barbara Hirl und Marcel Kolvenbach, SWR
Regensburg Mitte April 2026. Hausarzt Wolfgang Ritter hat als Landesvorsitzender zum Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärztetag geladen. Es stehen Gesetzesvorhaben an, die Einschnitte in die vertragsärztliche Versorgung bringen werden. Gleichzeitig sorgt ein weiteres Thema für Unruhe: Private-Equity-Finanzinvestoren drängen zunehmend in die hausärztliche Versorgung.
Anwesende berichten, dass etwa Labormedizinketten Hausärztesitze aufkaufen. Der Fokus solcher von Investoren geführten Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) konzentriere sich auf die Leistungen, die viel Geld einbringen - etwa indem sie vermehrt Aufträge für die eigenen Labore generierten, so der Vorwurf. Wichtige hausärztliche Leistungen würden dagegen nicht mehr erbracht werden, zu Lasten der Patienten.
An einem Tisch vor der Bühne in der großen Veranstaltungshalle diskutiert Ritter mit seinem Hausarztkollegen Christian Pfeiffer, der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ist. Für Pfeiffer ist klar: "Es geht um die medizinische Grundversorgung." Und die stehe auf der Kippe.
Hausarzt Ritter erzählt von einem typischen Beispiel aus seiner Praxis. Eine ältere Patientin habe ihm von einer bevorstehenden graue Star-Operation berichtet. Auf Nachfrage und nach einer genaueren Untersuchung durch einen Spezialisten habe sich herausgestellt, dass eine OP medizinisch überhaupt nicht nötig ist.
"Patienten müssen sich auf Ärztinnen und Ärzte verlassen können", meint Ritter. Dafür brauche es einen unabhängigen Hausarzt, der "eben sagt: 'Hör zu, die Daten sprechen dafür. Ja, mach es, es ist sinnvoll. Oder die Daten sprechen dagegen, lass es sein.'" Diese Entscheidung dürfe nicht beeinflusst sein von Renditeinteressen durch lukrative medizinische Eingriffe.
Aussagen von zahlreichen Betroffenen gegenüber dem ARD-Magazin Plusminus zeigen, dass angestellte Ärzte in von großen investorenbetriebenen MVZ unter einem enormen Druck stehen, die Gewinnziele des Arbeitgebers zu erreichen. Die Gesprächspartner wollen anonym bleiben und ihren Arbeitgeber in den meisten Fällen nicht nennen, aber ihre Schilderungen ähneln sich.
"In diesen MVZ, die in diesem Bereich betrieben werden, hat man eigentlich immer die Erwartung, dass man fünf bis zehn Prozent Ebitda schafft," erklärt eine betroffene Person - gemeint ist damit der Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und immateriellen Vermögensgegenständen.
Neben dem Renditedruck ist von einem "MVZ-System" die Rede, "ein Konstrukt von ganz vielen Praxen und auch von Labors." So sei den Ärzten bewusst, dass sie mit Laboraufträgen Umsatz und entsprechend Gewinn an anderer Stelle im Unternehmen generieren könnten. Ein betroffenes Unternehmen hat auf mehrfache Anfrage zu den Vorwürfen nicht Stellung genommen.
Dass die Geschäftsmodelle von investorengeführten MVZ einen negativen Einfluss auf die Qualität der medizinischen Versorgung hätten, wird von den Vertretern der Branche bestritten; zuletzt Mitte November 2025 bei der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestages. Anlass: ein Antrag der Grünen zur Reformierung von Medizinischen Versorgungszentren.
Sibylle Stauch-Eckmann vom Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren e.V. (BBMV) spricht von der "Unterstellung, dass investorengetragene MVZ vorrangig gewinnorientiert agieren und die ärztliche Autonomie einschränken". Das lasse sich empirisch nicht belegen. "Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass wirtschaftliche Interessen in investorengetragenen MVZ systematisch die Behandlung beeinflussen", erklärt Strauch-Eckmann.
Eine bisher unveröffentlichte Studie, in die das ARD-Magazin Plusminus vorab exklusiven Einblick nehmen konnte, zeigt jedoch das Gegenteil. Grundlage sind die detaillierten Abrechnungsdaten der ambulanten Versorgung der kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB).
Martin Tauscher und Roman Gerlach von der KVB analysieren seit vier Jahren auf Grundlage dieser Datenbasis den Einfluss der Eigentümerstrukturen auf die medizinische Versorgung der Patienten von Medizinischen Versorgungszentren. Dazu mussten sie zunächst eine große Hürde nehmen: für jedes einzelne MVZ den ultimativen und wirtschaftlichen Besitzer zu ermitteln.
Genau diese Information fehlt im Arztregister und damit der KV. Die Besitzverhältnisse sind oft komplex verschachtelt. Dahinter stehen oft am Ende Private-Equity-Gesellschaften im Ausland. Sind die tatsächlichen Besitzverhältnisse bekannt, könne man auch Aussagen über den Einfluss auf die Behandlung der Patienten treffen.
Bei der hausärztlichen Versorgung ist der Unterschied zwischen klassischen Hausärzten und den von investorengeführten Praxen besonders deutlich. "Wenn man guckt, welche Leistungsbereiche die hausärztlichen Praxen, die Private Equity angehören, abdecken, dann sehen wir, dass 73 Prozent dieser Ärzte diese hausärztliche Leistungsbreite nicht vorhält", erklärt Tauscher.
Das geht aus den zahlreichen Diagrammen hervor, die sie aus den Daten generiert haben. Ärzte, die bei einem investorenbetriebenen MVZ angestellt sind, erbringen danach deutlich weniger typisch hausärztliche Leistungen. So machen sie etwa kaum Hausbesuche. Auch leidet die Versorgung chronisch kranker Patienten, oder das hausärztliche Gespräch falle weg, denn das sei weniger lukrativ.
"Die Folge ist, dass jeder zweite Patient von einem Private-Equity-MVZ einen weiteren, einen zweiten Hausarzt aufsuchen muss", erklärt Tauscher. Auch gebe es Auffälligkeiten im Abrechnungsmuster bei der Abrechnung des Chroniker-Zuschlags. Und dies, obwohl der Anteil an echten Chroniker-Fällen gerade in diesen Praxen geringer sei.
Laut der Analyse zeigt sich auch, dass von Investoren betriebene MVZ sich besonders auf Ballungsgebiete konzentrieren. Ländliche Gebiete seien meist nicht interessant für sie. "Die räumliche Konzentration bringt einige Gefahren mit sich. Eine große ist für die Patienten das Fehlen einer alternativen Versorgung, also zum Beispiel eine Zweitmeinung", meint Gerlach.
Das zweite Problem sei eine mögliche Insolvenz der MVZ-Ketten: "Wenn ein Anbieter, der regional eine Fachrichtung dominiert, insolvent wird, kann das ambulante System einen solchen flächendeckenden Ausfall nicht auffangen."
Eine Veröffentlichung der umfassenden Ergebnisse der Studie ist für Mitte des Jahres in der Fachzeitschrift BARMER Gesundheitswesen aktuell geplant. Gerlach und Tauscher von der KVB erhoffen sich davon, die Politik auf das Problem aufmerksam zu machen und so ihrer Forderung nach einem bundesweiten MVZ-Transparenzregister Nachdruck zu verleihen.
"Wir brauchen eine klare Regulierung, damit jeder Patient weiß, wo er behandelt wird. Ist es eine inhaberingeführte Praxis oder ist es eben ein finanzielles Konstrukt?", fordert auch der Vorstandsvorsitzende der KVB, Christian Pfeiffer. Sein Hausarzt-Kollege Wolfgang Ritter erwartet von der Regierung endlich ein "MVZ-Regulierungsgesetz" - wie im Koalitionsvertrag vereinbart.
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