Es ist wie bei Alice im Wunderland: Ist man erst mal in die Tiefen eines Kaninchenbaus gerutscht, kommt man da so schnell nicht wieder raus. Denn hinter jeder Ecke gibt es neue wundersame Verlockungen. Genau diesen sogenannten Rabbit-Hole-Effekt sieht die EU-Kommission in der Flimmerwelt der besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebten Kurzvideoplattform Tiktok.
Mit seinem Algorithmus fördere Tiktok Suchtgefahren. Dieser würde selbst schutzbedürftigen Nutzern einen endlosen Strom aus personalisierten Videos anzeigen, heißt es aus Brüssel, der psychische Probleme verstärken könne. Der Algorithmus befeuere Ess- und Angststörungen, so die oberste Behörde der Europäischen Union.
Laut dem nun veröffentlichten Report verstößt die chinesische Videoplattform gegen europäisches Recht, weil sie Nutzer nicht ausreichend schütze. "Jedes Mal, wenn ein Nutzer auf Tiktok durch den Feed scrollt oder ein Video mit 'Gefällt mir' markiert, spielt der Algorithmus mehr davon aus", so Technologie-Kommissarin Henna Virkkunen. Die Verbraucher würden dadurch immer tiefer in die App hineingezogen und könnten sich kaum von ihr lösen.
"Tiktok muss seine Bemühungen zum Schutz des Wohlergehens der Nutzer, einschließlich der Minderjährigen, verstärken", machte Virkkunen deutlich. Die EU-Kommission wies den Social-Media-Anbieter deshalb an, die "schädliche" Funktionsweise seiner App zu ändern, um die psychische Gesundheit der Nutzerinnen und Nutzer zu schützen. Ändert Tiktok seinen Algorithmus nicht, droht dem Unternehmen ein empfindliches Bußgeld.
Der Rabbit-Hole-Effekt ist ein Fachbegriff aus der Psychologie, der ein Phänomen bei der Nutzung von Sozialen Medien beschreibt: Je länger Nutzende Videos zu einem bestimmten Thema anschauen, desto mehr werden ihnen ähnliche und extremere Filme angezeigt.
User können auf diese Weise so tief in einem Thema versinken, dass sie es nicht mehr herausschaffen - ähnlich wie sich die Hauptfigur in der Geschichte "Alice im Wunderland" in einem Kaninchenbau verliert. Algorithmen - vereinfacht gesagt von Menschen geschriebene Anleitungen für Computer - können theoretisch solche Verhaltensmuster erkennen und ausnutzen, damit Nutzerinnen und Nutzer mehr Zeit auf einer Plattform verbringen.
"Diese Funktionsweise kann schädlich sein, wenn es bei derart endlos wiederholten Inhalten zum Beispiel um Traurigkeit, Einsamkeit oder das Körperbild geht", befand die Kommission. Wer bei Tiktok in ein solches "Rabbit Hole" falle, könne auf Dauer unter verstärkter Traurigkeit, Angststörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und einem geringeren Selbstwertgefühl leiden. Auf diese Weise könne Tiktok Essstörungen und psychische Krankheiten verschlimmern.
Die EU-Kommission hat Tiktok schon mehrfach zu Änderungen aufgerufen, zuletzt im Juli und im Februar dieses Jahres. Das Unternehmen habe zwar schon reagiert, die Änderungen reichten aber nicht aus, befand die Kommission am Freitag. Nutzende können Videos inzwischen zum Beispiel über die Option "nicht interessiert" von ihrer Startseite verbannen. Nach Einschätzung aus Brüssel ändert das aber wenig am vom Algorithmus zusammengestellten Angebot.
Die Kommission wies Tiktok deshalb an, die Funktionsweise des personalisierten User-Angebots in der App "Für dich" grundlegend zu ändern. Der Algorithmus dürfe nicht mehr darauf basieren, wie lange Nutzerinnen und Nutzer ein Video ansehen. Stattdessen sollen sie mehr eigene Kontrolle über das Angebot auf der Für-dich-Seite bekommen und stärker selbst festlegen können, was sie auf Tiktok zu sehen bekommen.
Tiktok kann nun auf die Vorwürfe aus Brüssel reagieren und Änderungen vorschlagen. Bestätigen sich die Vermutungen der Kommission, kann sie ein Bußgeld in Höhe von maximal sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängen. Die Plattform hat ihren Sitz offiziell in den USA, gehört aber der chinesischen Muttergesellschaft Bytedance.
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Weltweit stehen Online-Netzwerke wegen ihrer mutmaßlich schädlichen Auswirkungen auf die Psyche der Nutzer in der Kritik. Einige Staaten wie Australien haben daher Altersbeschränkungen für die Nutzung von Tiktok, Instagram & Co verhängt.
Die Europäische Union will den Jugendschutz mit dem geplanten Digital Fairness Act (DFA) verbessern. Den Entwurf für dieses Gesetzespaket, das unter anderem irreführende Werbung oder manipulatives App-Design unterbinden soll, will die EU-Kommission kommende Woche vorlegen.
AR/pgr (afp, kna, dpa, rtr, epd)
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