Illustration : Xaviera Altena

Wenn die Gesellschaft sich polarisiert, wird sie schwächer. Und ungerechter. Und härter. Deshalb wurden beim diesjährigen Social Design unter dem Motto »Wir schaffen Verbindungen« Projekte gesucht, die das Miteinander stärken.

In Kooperation mit

Bauhaus

Rund 300 Einsendungen gab es, von größeren Initiativen und einzelnen Engagierten oder von Social-Design-Büros und gemeinnützigen Unternehmen. Die Jury hat sie gesichtet und aus diesen die besten zehn ausgesucht. Und nun sind Sie dran: Wählen Sie aus dieser Shortlist Ihr Lieblingsprojekt, das den mit 2500 Euro dotierten Publikumspreis gewinnen soll.

100% WIR

Demokratie lebt davon, dass alle mitmachen, miteinander diskutieren und: wählen. In dem südniedersächsischen Ort Heckenbeck (Bad Gandersheim) entwickelten deshalb Marlene Brandt, Manfred Mudelsee, und Tobias Polzin ihr Pilotprojekt »100% Heckenbeck«. Vor der Bundestagswahl 2025 suchten 3 Prozent der Heckenbecker 97 Prozent der Haushalte in Zweierteams auf und sprachen mit diesen – über das Wahlsystem, über aktuelle Politik, über Demokratie und wie wichtig es ist, dass alle ihre Kreuze setzen bei der Bundestagswahl.

In den USA sind solche Haustürgespräche üblich, in Deutschland machen dies nur wenige Parteien. In Heckenbeck kamen Ehrenamtliche ins Gespräch mit politisch Interessierten und Nichtwählern, mit Anhängern verschiedenster Parteien, mit alten Menschen, die Schwierigkeiten hatten, zum Wahllokal zu gelangen. Dabei vermittelten die Ehrenamtlichen keine parteipolitischen Positionen, denn die Initiative ist überparteilich. Sie hatten zum Ziel, die Demokratie zu stärken, Polarisierungen zu überwinden und in einen nachbarschaftlichen Austausch zu kommen.

Und weil es nebenbei auch darum ging, Menschen aus ihrer sozialen Isolation zu holen, schloss sich an die Besuche ein Begegnungs-Café an, bei dem weiterdiskutiert werden konnte.

ApplicAid e.V.

Stipendien sollen Talente fördern und Türen öffnen. Doch die Ungleichheit zeigt sich bereits dort, wo über Chancen entschieden wird: bei der Vergabe. Das möchte ApplicAid ändern. Der Verein bringt Stipendiat:innen mit jungen Menschen zusammen, die trotz Talent und Leistungsbereitschaft auf strukturelle Hürden stoßen: etwa als Erstakademiker:innen, Menschen mit Migrationsgeschichte, mit niedrigem sozioökonomischem Status oder chronischen Erkrankungen.

Was ihnen auf dem Weg zum Stipendium fehlt, ist selten die Qualifikation, sondern der Zugang zum richtigen Netzwerk. Seit 2020 schließt ApplicAid diese Lücke durch individuelle Einzelbetreuung. Je nach Fachrichtung, Stipendium und Hintergrund bringt die Initiative Mentor:in und Mentee zusammen. Sechs Wochen feilen sie per Videochat am Motivationsschreiben, der Selbstdarstellung und dem Auswahlgespräch.

ApplicAid ist kostenlos und deutschlandweit aktiv. Mehr als 1200 Bewerbungen wurden bereits begleitet, 42 Prozent davon waren erfolgreich. Viele erfolgreiche Bewerber:innen werden später selbst Mentor:innen. Sie geben weiter, was ihnen geholfen hat – und halten die Tür für die Nächsten offen. Hinter ApplicAid steht ein Verein, der bereits vom EU-Parlament ausgezeichnet wurde und von verschiedenen Stiftungen finanziell unterstützt wird.

Sind Sie dafür oder dagegen? Was wie Spaltung und Polarisierung klingt, ist der Beginn von Verständnis. Das jedenfalls ist das Konzept der Unterhausdebatte. Bei Veranstaltungen in Bibliotheken, Museen, Konferenzen oder auch auf Marktplätzen stehen die Ja-Stuhlreihen den Nein-Stuhlreihen gegenüber, genau wir im britischen Unterhaus, wo Regierung und Opposition sich gegenübersitzen (und nicht im Halbkreis platziert sind, wie im Deutschen Bundestag). und dann geht die Diskussion los. Und zwar über ein kontroverses Zukunftsthema wie ein Social-Media-Verbot für Kinder, Meinungsfreiheit oder Partei-Verbotsverfahren. Das Moderatorenteam stellt dazu immer wieder einfache Fragen, und das Publikum platziert sich immer wieder neu auf Ja- oder Nein-Stühle. Und dann beginnt die Diskussion. Mit Lösungsbeispiel oder überraschenden Fragen bringt das Moderatorenteam Lebendigkeit in die Diskussion.

Entwickelt wurde das Konzept von den Zukunftsreportern, wie Carina Frey, Rainer Kurlemann, Alexander Mäder sich nennen. Sie gehören zur Genossenschaft RIFFReporter. In Dutzenden von Veranstaltungen haben sie beobachtet, dass die Menschen tiefer ins Nachdenken kommen, wenn sie sich für eine Position entscheiden und diese dann im gemeinsamen Gespräch erläutern. Die anfängliche Polarisierung, so die Erfahrung der RIFFReporter, verhärtet nicht die Fronten, sondern führt im Gegenteil zu mehr Verständnis. In Erinnerung bleiben die Debatten und Argumente dann auch.

Künftig möchten die Zukunftsreporter ermöglichen, dass die Diskussionen weiterlaufen und die Teilnehmer der Debatte sich miteinander vernetzen, digital per App auf dem Handy.

In Köln gibt es eine Reise-Agentur etwas anderer Art. Mit »Kulturklüngel« kann man in andere Kulturen eintauchen, ganz ohne einen Flieger zu besteigen oder auch nur die eigene Stadt zu verlassen. Zum Beispiel bei der »kulinarischen Weltreise in Köln-Kalk«, wo man auf wenigen Metern georgische, äthiopische und kamerunische Küchen findet, dazu syrische oder polnische Supermärkte.

Menschen aus mehr als 180 Nationen leben in Köln. Die verschiedenen Kulturklüngel-Exkursionen führen zu Künstlern, Autoren, Händlern und Gastronomen. Zu Sprachschulen, Musikschulen, Kulturinstituten, Religionsgemeinschaften, Coworking-Spaces mit kulturellem Fokus. Meist zu Fuß. Manchmal auch mit dem Fahrrad. So lernen die Rundgänger jene kennen, an denen sie sonst vielleicht nur vorbeigehen.

Dem Gründer Thomas Bönig geht es bei seinen Führungen auch darum, Vorurteile abzubauen und die positiven, bereichernden Seiten offener und multikultureller Gesellschaften zu zeigen. Hauptsächlich, so berichtet er, werden die Führungen, die 30 bis 45 Euro kosten, von Kölnern genutzt, die ihre Stadt neu kennenlernen möchten. Aber auch die Polizeischule hat die Führungen beispielsweise schon als Fortbildung und zur kulturellen Sensibilisierung genutzt.

Manchmal beginnt wirksame Hilfe mit einer einzigen Person. So war es bei Moubarak, dem ersten Mentee von MentForMigra. Der Grundschüler, der aus Togo nach Düsseldorf gekommen war, fiel 2010 einer Lehrerin auf. Sie wollte sich dafür einsetzen, dass der begabte Junge nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium wechseln konnte. Doch woher sollte die nachhaltige Unterstützung kommen, zumal seine Eltern nur wenig Deutsch sprachen?

In vielen Fällen wäre die Geschichte hier zu Ende. Schulische Erfolge sind in Deutschland weiterhin maßgeblich abhängig vom Elternhaus, mehr als in anderen Ländern. Das ist erneut ein bitteres Ergebnis der aktuellen Pisa-Studie. MentForMigra setzt dem seit 2015 etwas entgegen: Die gemeinnützige Düsseldorfer Unternehmergesellschaft bringt ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren mit Kindern und Jugendlichen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte zusammen.

Ab der Grundschule begleiten die Freiwilligen ihre Mentees bei wöchentlichen Treffen, verbessern Lesekompetenz, stärken das Deutsch, helfen, schulische und persönliche Ziele zu entwickeln. Das Programm unterstützt auch die Eltern, etwa bei Fragen zum deutschen Bildungssystem, bei Sprachkursen oder bei der beruflichen Orientierung. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe, bei dem nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Familien verlässliche und niedrigschwellige Ansprechpersonen bekommen. Heute ist MentForMigra neben Düsseldorf auch an weiteren Standorten aktiv, darunter Meerbusch und Köln.

Moubaraks Mentorin begleitete ihn zum Anmeldetermin am Gymnasium. 2019 machte er Abitur und begann danach ein duales Studium.

PLAUDERTELEFON

Einsamkeit kann schmerzen wie eine Wunde. Und ein gutes Gespräch ist so viel mehr als nur ein Pflaster. Das Projekt Plaudertelefon, das die Bürgerstiftung Stuttgart ins Leben gerufen hat, bringt Menschen zusammen, die sich sonst wohl nicht begegnet wären. Einmal die Woche telefonieren die sorgfältig ausgesuchten »Plauderpaare« miteinander, sprechen über das beste Rezept für Käsekuchen, über Kindheitserinnerungen oder einfach über das Leben.

Davon profitieren beide Seiten: Wer körperlich eingeschränkt ist in seiner Mobilität, vielleicht sogar bettlägerig, wer sich nach dem Tod des Partners oder der Partnerin nach Kontakt sehnt, merkt auf einmal: Es gibt jemand, der mir zuhört, der mir gern zuhört. Und wer sich ehrenamtlich engagiert, erfährt, was andere Menschen umtreibt und entdeckt Verbindendes, manchmal über Generationengrenzen hinweg.

Etwa 130 aktive Plauderpartnerschaften gibt es schon im Stuttgarter Stadtgebiet, und es sollen mehr werden. Ein Ritual, das Vorfreude und Verlässlichkeit schafft und etwas entstehen lässt, das wertvoller ist als alles andere: eine Beziehung zu einem anderen Menschen.

Familien mit einem Kind auf dem Autismus-Spektrum, ADHS oder einer anderen neuronalen Besonderheit, erleben oft, dass Kinder nicht mehr in die Kita oder die Schule gehen können. Dass Beruf und das Privatleben leiden und selbst Freund und Verwandte sich abwenden, weil sie die Herausforderungen für die Eltern nicht verstehen.

Durch die PDA Initiative hat sich ein Netzwerk für Familien mit neurodivergenten Kindern und selbst Betroffenen gebildet. Wie sehr diese Gemeinschaft gebraucht wird, zeigen ihre Anfänge: 2022 begann das Projekt mit sieben Eltern, die sich in einer WhatsApp-Gruppe vernetzten. Nicht einmal ein Jahr später waren mehr als 1000 Menschen Teil der Community, heute sind rund 3700 Familien und Einzelpersonen in einer speziell geschaffenen App vernetzt. Diese wurde vom gemeinnützigen Unternehmen Brains in Mind geführt, die Soziologin Annika Tipp und die Designerin Kora Jünger leiten es.

Diese PDA-Plattform bietet geschützte Räume, in denen Erfahrungen geteilt werden, ohne dass man sich einander erklären muss. Experten und Expertinnen ergänzen ihr Fachwissen und nutzen die besprochenen Themen, um fachlich fundierte Impulse zu geben und neue Perspektiven zu eröffnen. Der von der PDA Initiative ermöglicht Austausch und gibt den Mitgliedern das Gefühl von Zugehörigkeit und emotionalem Halt: Hier werden sie mit ihren Anliegen gesehen. Damit vermittelt sie viel mehr als Wissen: »Seit ich in der Community bin«, so eine Person, »fühle ich mich nicht mehr allein mit dem Problem. Das gibt mir ganz viel Energie.«

Privilegien entscheiden von Geburt an über Chancen: Geschlecht, Staatsbürgerschaft, Vermögen, Bildung. Und sie sind ungleich verteilt. Die Popcorn-Privilegien machen diese Ungerechtigkeit sichtbar: Aus den Antworten auf vier Fragen ergibt sich ein Bild der eigenen Privilegien. Wer viele Privilegien hat, erhält wenig Popcorn – wer wenige hat, erhält viel. Dabei entsteht ein kurzes Gespräch: War das Ergebnis überraschend? Wie fühlt es sich an? Hat jemand vielleicht gemogelt?

Genau in diesem Moment liegt die Wirkung des Formats. Wer sich als privilegiert erlebt und trotzdem nur eine leere Tüte bekommt, empfindet das oft als ungerecht. Genau diese Irritation öffnet den Raum für Gespräche über Gerechtigkeit, Benachteiligung und die eigene Position in der Gesellschaft. Popcorn-Privilegien will Menschen, die sich sonst kaum mit sozialer Ungleichheit beschäftigen.

Die Aktion wurde während der Kasseler Museumsnacht 2025 erstmals aufgeführt. Sie soll anregen zum Nachdenken über unterschiedliche Lebensrealitäten. Wer erlebt, dass nicht alle mit denselben Voraussetzungen starten, entwickelt eher Verständnis für andere Perspektiven – und das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Entwickelt hat das Format Raamwerk, ein Studio für Kunst, Soziales und Kommerz aus Kassel.

Wer auf der Straße lebt, verliert oft mehr als eine Wohnung: Dokumente verschwinden, Angehörige sind nicht erreichbar, und im Notfall weiß niemand, wer zu benachrichtigen ist. Manchmal bleibt eine verstorbene Person sogar namenlos.

Straßennachlass setzt genau dort an. Die Plattform will obdach- und wohnungslosen Menschen einen kostenfreien, geschützten digitalen Ort für ihre Identität geben: wichtige D…

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