Reportage

Stand: 03.11.2026 • 13:46 Uhr

In Dakar laufen die ersten Olympischen Jugendspiele auf afrikanischem Boden. In den Vororten der Stadt warten währenddessen junge Männer auf ruhige See, um nach Europa aufzubrechen. Eine Reportage aus Dakar.

Hinter Moustapha Diouf sitzen junge Männer. Er dreht sich halb zu ihnen um. "Schauen Sie sich die Leute an, die hier sitzen", sagt er. "Die sind 25, 26 Jahre alt. Sie sind nicht zur Schule gegangen. Ihr Traum ist es, ein Boot zu nehmen und wegzufahren." Dann sagt er einen Satz, der zeigt, dass die olympische Welt hier ganz weit weg ist: "Sie wussten nicht einmal, dass hier in Senegal Olympische Spiele stattfinden."

Es ist der Nachmittag der Eröffnung der Jugendspiele, Moustapha Diouf steht am Strand von Thiaroye-sur-Mer, einem Fischerort vor den Toren der Hauptstadt Dakar. Mehrere Gruppen junger Männer sitzen zusammen im Schatten, reden und blicken immer wieder aufs Meer. Einige arbeiten an ihren Pirogen. Es sind Fischerboote mit erhöhten Bordwänden. Andere reparieren die Außenbordmotoren, während Kinder Schafe im Meer waschen. Überall liegt Plastikmüll am Strand.

Am Abend des 31. Oktober hat der senegalesische Präsident Bassirou Diomaye Faye die Jugendspiele eröffnet. Bis zum 13. November treten in Dakar rund 2.700 Jugendliche aus aller Welt an. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry sprach im Stadion von "Spielen für die Jugend, von der Jugend". Junge Menschen hätten "im Mittelpunkt von allem" gestanden, nicht nur die Athletinnen und Athleten, "sondern die jungen Menschen Senegals".

Am selben Abend sollen in Thiaroye zwei Pirogen in See stechen, erzählen die Männer am Strand. Das Ziel: Spanien. Bis zu den Kanaren sind es rund 1.500 Kilometer offener Atlantik, sechs Tage bei ruhiger See. Die Route gilt als eine der tödlichsten Migrationsrouten der Welt.

Senegal ist ein junges Land. Die Hälfte der Menschen ist jünger als 19. Mehr als ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen hat weder Arbeit noch Ausbildung und geht auch nicht zur Schule. Auch dem Staat selbst fehlt das Geld. Senegal steckt in einer Schuldenkrise. In der Woche der Eröffnungsfeier hat der Finanzausschuss der Nationalversammlung den Nachtragshaushalt für 2026 zum zweiten Mal abgelehnt. Trotzdem stehen für die Bauten der Spiele im Haushalt dieses Jahres mindestens 91 Milliarden CFA-Franc bereit, rund 139 Millionen Euro.

Junge Männer auf einem Fußballplatz in Dakar

Die Jugend der Welt ist zu Gast in Senegal. Ein Teil der eigenen Jugend will das Land verlassen und ist bereit, ihr Leben dafür zu riskieren. Am Strand von Thiaroye-sur-Mer spricht Moustapha Diouf über sein Leben. Er war Fischer und versuchte selbst, mit einer Piroge nach Europa zu kommen. Er schaffte es bis Spanien und wurde zurückgeschickt. "Ich kenne die Gefahr", sagt er. "Ich sage das nicht, weil ich es im Fernsehen gesehen habe." Heute leitet er einen Verein von Rückkehrern und geht von Haus zu Haus. um mit den Jungen zu reden. Geld bekäme er dafür nicht, sagt er. "Wir machen das, weil die Menschen, die sterben, unsere Angehörigen sind."

Die Boote stechen dennoch in See. "Alle wissen, dass man auf See sterben kann", so Diouf. "Die Aufklärung ist angekommen. Jeder weiß, dass niemand zweimal sterben kann." Er macht eine Pause. "An der Schande sterben, an der Armut sterben, das ist schlimm." Wer ohnehin nur einmal sterben kann, dem erscheint das schnelle Risiko auf See erträglicher als das langsame Zugrundegehen an Armut.

Moustapha Diouf

In Dakar forscht Boubacar Seye zu Migrationsbewegungen und leitet die Organisation Horizon Sans Frontières. Senegal sei seit langem ein Auswanderungsland, sagt er. "Auswandern heißt in Afrika Erfolg haben, vor allem in Senegal." Inzwischen sei die Auswanderung zu einem Dauerzustand geworden, getrieben von Armut und Verzweiflung. "Alle wollen weg. Es gibt keine Hoffnung mehr. Die Leute glauben, dass sie hier keine Zukunft haben."

Einer der jungen Männer am Strand von Thiaroye will in den nächsten Tagen auf ein Boot gen Spanien steigen. Er nennt sich Amadou. Für ihn sei genau jetzt ein guter Moment, "vor allem, weil es weniger Kontrollen gibt". Amadou ist damit nicht allein. Sein bester Freund habe am Vortag ein Boot genommen, sagt er, und viele wollen es ihm gleichtun.

In Thiaroye drängen gerade jetzt besonders viele aufs Meer, sagen die Männer, weil alle Aufmerksamkeit bei den Spielen liege. Polizei und Gendarmerie hätten in Dakar und Umgebung zu tun, nicht am Strand. Migrationsforscher Seye beschreibt das Kalkül der jungen Männer so: "Alle schauen jetzt auf die Spiele, das nutzen wir, um zu gehen." Sie rechnen damit, dass es irgendwo eine Lücke gibt.

Warten auf die Chance zur Flucht: junge Männer am Strand von Thiaroye-sur-Mer

Ob die Küste tatsächlich schlechter bewacht ist, lässt sich nicht belegen. Für die Spiele hat Senegal nach Angaben des Innenministers rund 15.000 Sicherheitskräfte und Helfer eingeteilt. Gleichzeitig haben die Sicherheitskräfte in den Tagen vor der Eröffnung Hunderte Menschen an der Küste festgenommen.

Sicher ist: Die Boote fahren. Im September kamen auf den Kanaren 1.970 Menschen an, viermal so viele wie im August. Im Oktober waren es nach vorläufigen Zahlen der kanarischen Regierung mehr als 4.000, fast drei Viertel davon auf El Hierro, der westlichsten Insel. Die Boote kamen vor allem aus Gambia, Senegal und Mauretanien. Mindestens acht Menschen starben im Oktober auf zwei Booten vor El Hierro. Vor Gambia sank Mitte Oktober ein Boot auf dem Weg zu den Kanaren, mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben.

Der wichtigste Grund für den Anstieg der Flüchtlingszahlen ist das Wetter. Im Herbst ist der Atlantik ruhiger. Das Zeitfenster schließt sich bald, ab Dezember kommt der Wind. Wie viele es versuchen, zählt niemand. Es gebe kaum Daten über die tatsächliche Zahl der Abfahrten von den westafrikanischen Küsten, schreibt die Internationale Organisation für Migration (IOM). Gezählt werden nur die, die ankommen oder aufgehalten werden. Wer unterwegs untergeht, taucht oft in keiner Statistik auf.

Für die ersten fünf Monate dieses Jahres hat die IOM 159 Tote und Vermisste auf der Atlantikroute erfasst. Die spanische Organisation Caminando Fronteras, die auch Meldungen von Familien zählt, kommt für denselben Zeitraum auf 635, viermal so viele. "Man kann die Zahl nicht beziffern", sagt auch Migrationsforscher Seye. "Während Pirogen auf El Hierro ankommen, sind andere gekentert." Jeden Tag kämen Familien zu ihm, die nach Vermissten suchen.

Als "Die Jugend zwischen Podium und Piroge" beschreibt Seye das Spannungsfeld in diesen Tagen in Dakar. Im Gespräch mit der Sportschau erklärt er, was er damit meint. "Auf der einen Seite eine Jugend, die aufs Siegerpodest strebt, auf der Suche nach internationalem Glanz. Auf der anderen Seite eine Jugend, die dem Meer trotzt, weil sie keine wirtschaftliche und soziale Perspektive hat." Viele Junge fühlten sich von den Spielen gar nicht angesprochen, sagt er. "Die Leute schaffen es nicht, drei Mahlzeiten am Tag zu bezahlen. Wie soll man mit leerem Magen ins Stadion fahren?"

Migrationsforscher Boubacar Seye

Rund um die Spiele hat die Politik Programme angekündigt, die Tausende junger Menschen ausbilden und in Jobs bringen sollen. Seye ist das zu vage. "Diese Ausbildung muss zu echten Jobs führen", meint er und verweist auf die Kosten der Spiele: "So viel Geld investieren und nach der Schlussfeier zusehen, wie diese jungen Leute gehen. Wozu soll das dann alles dienen?"

Gegen die Spiele ist Seye nicht. Er sei stolz, dass Senegal sie ausrichtet, sagt er, und wünsche sich, dass sie ein Erfolg werden. Aber einer, der etwas verändert. "Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, aus diesen Spielen einen Schutzwall gegen Schiffbrüche und irreguläre Migration zu machen."

Am Strand von Thiaroye-sur-Mer traut Moustapha Diouf den politischen Versprechen nicht. "Man muss der Jugend helfen, statt Parolen auszugeben, dass man hierbleiben, hier arbeiten, hier Erfolg haben kann. Das ist leicht gesagt." Und er richtet eine Botschaft an Europa. Die Menschen, die dort ankommen, seien keine Banditen. "Das sind Familienväter, Brüder, Menschen, die vorankommen wollen, um ihren Familien zu helfen."

Er selbst wolle niemanden aufs Meer schicken, sagt er. "Ich dränge niemanden, eine Piroge zu nehmen, um sich umzubringen." Aufhalten kann er sie aber auch nicht. "In diesem Moment, während ich mit Ihnen spreche, bereiten sich bereits die nächsten Leute vor."

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