Stand: 14.05.2026 • 19:06 Uhr
Es ist eine Kampfansage an den britischen Premier: Gesundheitsminister Streeting ist zurückgetreten. Damit steigt der Druck auf Starmer. Streeting könnte sich um den Labour-Vorsitz bemühen. Genau wie Ex-Vizeregierungschefin Rayner.
Der britische Gesundheitsminister Wes Streeting ist aus Protest gegen Premierminister Keir Starmer zurückgetreten. Erwartet wird, dass der 43-jährige Streeting Starmer um den Parteivorsitz herausfordert. Mit dem Posten des Parteichefs ist auch das Amt des Premierministers verbunden, das Starmer im Falle einer Niederlage abgeben müsste. Britische Medien hatten bereits seit Tagen über einen bevorstehenden Rücktritt Streetings spekuliert.
Seinen Rücktritt gab Streeting in einem schriftlichen Statement auf der Plattform X bekannt. Er habe das Vertrauen in Starmers Führung verloren, heißt es darin. Es wäre "unehrenhaft und prinzipienlos", im Amt zu bleiben. Zudem sei es klar, dass Starmer "die Labour-Partei nicht in die nächste Parlamentswahl" führen werde.
Labour-Abgeordnete und Gewerkschaften wollten, "dass die Debatte über die Zukunft ein Kampf der Ideen ist, nicht der Persönlichkeiten oder kleinlicher Fraktionskämpfe".
Starmer gab sich in einem Antwortschreiben an Streeting ruhig. Er bedauere den Rücktritt sehr, schrieb der Regierungschef. Er lobte zudem die Arbeit seines bisherigen Gesundheitsministers zur Sanierung und Reform des staatlichen Gesundheitsdiensts NHS und äußerte die Hoffnung auf eine künftige Zusammenarbeit.
Es gebe einen Kampf um die "Seele der Nation", der geführt werden müsse, so Starmer. Dazu gehöre auch das Versprechen, "das Chaos hinter uns zu lassen, das bei der vergangenen Wahl vom britischen Volk ganz und gar abgelehnt wurde".
Um Starmer herauszufordern, benötigt Streeting die Unterstützung von 81 der mehr als 400 Labour-Abgeordneten, also 20 Prozent, die ihn nominieren müssen. Das würde eine Urabstimmung unter Labour-Mitgliedern und weiteren Wahlberechtigungen auslösen, bei der sich auch andere Kandidatinnen und Kandidaten mit jeweils 81 Unterstützern aus der Fraktion bewerben könnten. Starmer stünde als amtierender Parteichef automatisch zur Wahl.
Der Premier wurde bislang nicht von Streeting herausgefordert, wie Allan Gemmel, ein Unterstützer des nun ehemaligen Gesundheitsministers sagte. Umfrageergebnisse unter Partei-Mitgliedern von der Plattform "Politics UK" zeigen, warum Streeting möglicherweise zögert. Im direkten Vergleich sprachen sich 53 Prozent der befragten Labour-Mitglieder für Keir Starmer als Parteichef aus. Nur 21 Prozent für Wes Streeting.
Starmer hatte Streeting am Mittwochmorgen zu einem kurzen Gespräch in der Downing Street empfangen. Ein Sprecher Starmers versicherte noch am Donnerstag, der Regierungschef habe "vollstes Vertrauen" in seinen Gesundheitsminister. Die Formulierung gilt längst als Zeichen, dass das Verhältnis alles andere als gut ist.
Eigentlich gilt der ehrgeizige Streeting aber nur als B-Kandidat für die Führungswahl. Im linken Lager der Partei ist er verhasst. Zudem hatte er ein enges Verhältnis zum Labour-Veteranen Peter Mandelson, der wegen seines engen Verhältnisses zu Jeffrey Epstein in den Sog des Missbrauchsskandals um den verstorbenen US-Multimillionär und Sexualstraftäter geriet.
Dem Bürgermeister von Manchester, Andrew "Andy" Burnham, würden größere Chancen eingeräumt, das Geschick der Labour-Partei herumzureißen - die dafür nötige Rückkehr des 56-Jährigen ins Parlament wurde vom Labour-Führungskreis aber Anfang des Jahres verhindert.
Von der Parteilinken brachte sich überraschend Ex-Vizepremierministerin Angela Rayner ins Spiel. Die 46-Jährige war im September vergangenen Jahres wegen einer zu gering entrichteten Grunderwerbsteuer von ihrem Posten als Wohnungsbauministerin und stellvertretende Regierungschefin zurückgetreten.
Nun sei die fällige Steuer entrichtet und sie vom Verdacht der Steuerhinterziehung entlastet, berichtete der Guardian. Rayner hatte stets beteuert, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Dem Guardian gegenüber deutete sie nun an, bei einer Wahl um den Parteivorsitz antreten zu wollen.
Starmer zeigte sich zuletzt kämpferisch, wies wiederholt Rücktrittsforderungen zurück und versuchte, Zweifeln an seiner Führungsstärke entgegenzutreten. Dazu bekräftigte er seine Pläne zur Stärkung der Wirtschaft, der Energiesicherheit und Verteidigungsfähigkeit. Der Premier warnte zudem vor den Folgen einer parteiinternen Revolte für die politische Stabilität und die Wirtschaft. Seit Monaten kämpft er um sein politisches Überleben. Dabei hatte er erst bei der Parlamentswahl 2024 eine der größten Mehrheiten in der modernen britischen Geschichte errungen.
Labour hatte in der vergangenen Woche massive Verluste bei den Kommunal- und Regionalparlamentswahlen zugunsten der Rechtspopulisten von Reform UK mit Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage hinnehmen müssen. In der Folge war Starmer von etlichen Abgeordneten zum Rücktritt aufgefordert worden - doch der Premier hält an seinem Amt fest.
Mit Informationen von Franziska Hoppen, ARD-Studio London.
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