Stand: 05.11.2026 • 15:32 Uhr
Ist es in Ordnung, wenn 150 Menschen über Monate einen Freund und Kollegen belügen, um am Ende aufzulösen, dass alles nur ein Spaß fürs Fernsehen war? In Dänemark wird heftig über ein TV-Format diskutiert.
Der dänische Comedian Rasmus Wallbridge sitzt in einem leeren Kinosaal. Er denkt, dass er jetzt vielleicht einen Trailer seines Spielfilms zu sehen bekommt, den er gerade produziert. Doch stattdessen sieht er auf der Leinwand, wie er über Monate reingelegt wurde: Besprechungen, die mit versteckter Kamera gefilmt wurden, Menschen, von denen er dachte, sie seien Geschäftspartner, geben sich als Schauspieler zu erkennen.
"Also hat es den Film nie gegeben?", fragt Wallbridge einen Kollegen, der neben ihm sitzt. Wer habe denn die Reise nach Litauen bezahlt, will er wissen. Der Fernsehsender TV2, antwortet der andere Mann - und führt weiter aus: "Alle, die wir getroffen haben, waren eingeweihte Schauspieler."
Das Gesicht von Wallbridge erstarrt, er ist geschockt und fängt an, fast schon verzweifelt zu lachen. Erst in diesem Moment erfährt der junge Comedian, dass er über vier Monate lang belogen und mit versteckter Kamera gefilmt wurde.
Denn Wallbridge dachte, dass er von einer Produktionsfirma den Auftrag für seinen ersten großen Spielfilm bekommen hatte. Fast 150 Menschen waren eingeweiht in den Plan des Fernsehsenders TV2. Der hat eine sechsteilige Sendung produziert unter dem Namen "Alle lieben Rasmus".
Die Reaktionen in Dänemark darauf sind vernichtend: "Heftig, grenzüberschreitend, verantwortungslos", sagte der Psychologe Michael Baastrup Portz im Interview mit dem Sender DR. Dieser Streich könne für den Betroffenen schwerwiegende Folgen haben.
Die lange Dauer der Lüge und die Tatsache, dass so viele Menschen beteiligt waren, könne dazu führen, dass sich der Betroffene frage: Wie konnte das passieren? Daraus könnten Sorgen entstehen, die sich möglicherweise zu einer Depression entwickeln, so der Psychologe.
Mehrere der Eingeweihten, unter ihnen auch Prominente, entschuldigten sich inzwischen öffentlich beim Betroffenen. Nach heftiger Kritik entfernte TV2 das Programm aus seiner Online-Mediathek und kündigte eine interne Untersuchung an.
Ulla Pors, Programmdirektorin von TV2, gibt zu, dass ihr Sender schwerwiegende Fehler gemacht habe. Die Sendung hätte niemals in Auftrag gegeben und ausgestrahlt werden dürfen, sagte sie.
Zunächst hatte der Sender noch versucht, das Format zu verteidigen. Doch nach und nach kamen neue Vorwürfe ans Licht. In der entscheidenden Auflösungsszene soll die Tonspur verändert worden sein, so dass unklar ist, wie Rasmus Wallbridge den Schwindel tatsächlich aufnahm.
Wallbridge hat sich inzwischen mit einem Post auf Instagram gemeldet. Er sei gerade nicht an einem Punkt, an dem er sich an der Diskussion beteiligen könne. An den Sender TV2 richtet er die Worte: Falls die Verantwortlichen ähnliche Programme geplant hätten, sollten sie das lieber bleiben lassen.
Sogar Dänemarks Kulturministerin Zenia Stampe schaltete sich in die Debatte ein. Das Format sei ein glasklarer Fehler. "Ich bin der Meinung, dass TV 2 seine Glaubwürdigkeit nur zurückgewinnen kann, wenn der Sender offenlegt, wie er verhindern will, dass so etwas nochmal passiert", so Stampe.
Rasmus Wallbridge hatte laut TV2 zunächst zugestimmt, dass das Programm gesendet werden darf. Trotzdem habe TV2 hier eine Grenze überschritten, meint Thomas Pallesen, Medienrechtler beim Sender DR. In Dänemark gebe es viele Freiheiten bei der Produktion von Unterhaltungssendungen - aber: "Man muss sich gleichzeitig bewusst sein, dass man Sendungen über echte Menschen macht, die danach ihr Leben weiterleben müssen", sagte Pallesen.
Was als großer Streich gedacht war, ist für TV2 zum PR-Desaster geworden. Der Fall zeigt, wie schnell ein Sender Vertrauen verspielen kann, wenn Unterhaltung auf Kosten von Menschen geht.
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