Stand: 17.10.2026 • 18:14 Uhr
Immer mehr Menschen bestellen online. Auch die Zahl der Rücksendungen nimmt stetig zu. Ein lohnendes Geschäft für Kioskbesitzer, Paketunternehmen. Kritik kommt von Umweltschützern.
Oktay Danisir hat einen kleinen, bis oben hin mit Waren gefüllten Kiosk im Mainzer Stadtteil Mombach. Zwischen Getränken, Süßigkeiten, Toastbrot und Konserven lagern im Verkaufsraum auch etliche Pakete, die seine Mitarbeiterin Julianna Iktaii so stapelt, dass niemand darüber fällt.
Es herrscht reger Betrieb in "Oktay's Kiosk". Ständig kommt jemand herein, möchte nur schnell Zigaretten kaufen, kurz plaudern oder ein Päckchen abgeben.
Mitarbeiterin Julianna Iktaii verstaut die Pakete im Kiosk
"Jeden Montag werden bei mir 200 bis 300 Pakete von den Paketdiensten abgeholt", erzählt der Kioskbesitzer. Seit acht Jahren betreibt er den Laden. Weil er mit fünf verschiedenen Paketdiensten zusammenarbeitet, ist das Paketaufkommen in seinem Laden hoch.
"Es ist es immer mehr geworden in den letzten Jahren", berichtet Danisir. "Die Leute bestellen sehr viel übers Internet, und natürlich schicken sie dann auch wieder viel zurück." Für ihn lohnt sich das Geschäft. Natürlich sei besonders um Weihnachten besonders viel los. Aber auch außerhalb der Feiertage laufe es richtig gut, sagt Danisir.
Nach einer Schätzung der Forschungsgruppe "Retourenmanagement" am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der Universität Bamberg wird die Zahl der Retouren im Jahr 2026 bei 560 Millionen Paketen liegen. "Das sind so viele wie noch nie", sagt der Leiter der Forschungsgruppe, Björn Asdecker.
Fast jedes vierte im Online-Handel verschickte Paket gehe schon jetzt zurück an den Absender. Das entspreche 24,1 Prozent der Bestellungen. Im Jahr 2025 waren es nach Angaben der Forschungsgruppe noch deutlich weniger, nämlich 542 Millionen.
Zwar habe sich der Anteil der Rücksendungen nicht verändert, aber weil immer mehr Artikel online bestellt würden, steige auch die Zahl der Retouren, so Asdecker: "Für das Jahr 2026 liegen noch keine finalen Mengendaten vor, aber führende Verbände wie etwa der Handelsverband Deutschland oder der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel rechnen mit einem Umsatzwachstum."
Der Bundesverband Paket- und Expresslogistik (BPEX) prognostiziere einen anhaltend wachsenden Paketmarkt und gehe von 4,48 Milliarden Sendungen aus. Davon, so Asdeckers Prognose, seien 560 Millionen Retouren. Rund 90 Prozent der zurückgehenden Artikel beträfen Mode, so der Wissenschaftler.
Die Quote der zurückgesendeten Pakete könnte tendenziell sogar noch steigen, meint der Forscher. Denn immer mehr Kunden kauften über Handy-Apps ein. Diese wiederum animierten, mehr noch als Einkäufe am Computer, zu schnellem, impulsivem Kaufen.
"Wenn man in einer App unterwegs ist, drückt man deutlich schneller den Bestell-Button, weil man sich, anders als vielleicht im Netz, Vergleiche mit anderen Angeboten bei anderen Händlern spart", sagt Asdecker. Oft blieben Kunden bei einer App, die sie nutzten und die das schnelle Kaufen einfach mache.
Michael Kiefer leitet die Abteilung Auslieferung bei der DHL-Group in Mannheim. Er ist zuständig für die Regionen rund um Heidelberg, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Dass durch den Onlinehandel die Zahl der Paketsendungen bundesweit seit Jahren zunimmt, bestätigt Kiefer.
"Die Anzahl der Paketsendungen wurde im Vergleich zum Vorjahr an Spitzentagen vor Weihnachten mehr als verdoppelt." Ob es sich dabei um Bestellungen oder Retouren handele, lasse sich nicht sagen, so Kiefer, das sei aber im Grunde nicht wichtig. "Fakt ist, unsere Paketboten haben deutlich mehr zu tun."
Besonders an Weihnachten, Ostern und rund um Feiertage brauche er deutlich mehr Personal, weswegen er etwa 20 Prozent mehr Menschen einstelle. Manchmal würden diese Personen später übernommen, manchmal handele es sich nur um kurzfristige Jobs.
Grundsätzlich profitiere seine Branche vom Boom im Onlinegeschäft. "Wir als Logistikdienstleister finden das natürlich positiv. Durch das hohe Paketaufkommen können wir auch kompensieren, dass die Menge an Briefen zurückgeht", sagt der DHL-Verantwortliche Kiefer.
Umweltverbände wie Greenpeace, die Deutsche Umwelthilfe (DUH) oder der NABU hingegen üben seit Jahren scharfe Kritik am Retourengeschäft. Das Zurückschicken produzierter Ware bedeute eine massive Verschwendung von Ressourcen, belaste das Klima und steigere den Verkehr in Innenstädten.
Auch die massenhafte Vernichtung von Retouren steht immer wieder in der Kritik. Zwar dürfen seit Juli große Unternehmen unverkaufte Ware nicht mehr einfach so vernichten. Doch das Verbot der Europäischen Union ist nicht ganz eindeutig und hat Lücken.
Björn Asdecker von der Universität Bamberg sagt, das hohe Retouren-Aufkommen hänge auch damit zusammen, dass sehr viele Onlinehändler die Rücksendung kostenlos anbieten. Besonders die großen Internet-Versender fürchteten, dass sie dazu verpflichtet werden könnten, eine Gebühr dafür zu verlangen. "Das wollen die nicht, sonst würden sie es ja freiwillig machen", so Asdecker.
Aktuell koste eine Rücksendung die Unternehmen zwar Geld, bringe aber gleichzeitig mehr Einkäufe. "Die Kunden, die überdurchschnittlich viel retournieren, sind die profitabelsten Kundengruppen, weil sie eben auch sehr, sehr häufig bestellen und mehr behalten, als sie zurückschicken."
Von diesen Kunden profitiert auch der Mainzer Kioskbesitzer Oktay Danisir. "Der Paketservice bringt mir gutes Geld ein und zieht Leute in den Laden, die sonst nicht kommen würden", sagt er. Mit dem Gewinn aus dem Paketgeschäft könne er seine Ladenmiete bezahlen.
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