Er war ein Weltbürger, ein Dirigent mit Charisma, ein Meister der kleinen Gesten mit großer Wirkung. Wenn Herbert Blomstedt auf dem Podium stand, zog er das Publikum in seinen Bann, kein Konzert endete ohne Standing Ovations. Seine Orchestermusiker schätzten ihn als bescheidenen, charmanten und respektvollen Maestro fern jeglicher Starallüren.
Mit 99 Jahren war Blomstedt der dienstälteste international auftretende Spitzendirigent. Noch im hohen Alter gab er Konzerte in Europa, Japan und den USA. Nach einem Sturz im Juni 2022 dirigierte Blomstedt seine Konzerte nur noch im Sitzen. Beim Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals im August 2023 ging er bereits sichtlich gebeugt und von einem seiner Musiker am Arm gestützt auf die Bühne, um Bruckners siebte Sinfonie zu dirigieren, eines seiner Lieblingsstücke. Danach wie immer: Standing Ovations im Publikum.
Seit mehr als 70 Jahren stand Herbert Blomstedt auf der Bühne. Viele Ensembles haben den schwedischen Dirigenten im Laufe der Jahre zum Ehrendirigenten ernannt. Darunter das San Francisco Symphony Orchestra, die Bamberger Symphoniker, die Wiener Philharmoniker sowie das NHK Symphony Orchestra in Tokio.
Blomstedt wurde am 11. Juli 1927 als Sohn schwedischer Eltern in den USA geboren. Der Vater war ein adventistischer Pastor, seine Mutter Pianistin. In Stockholm studierte Blomstedt Geige, in New York Dirigieren, in Tanglewood arbeitete er mit Leonard Bernstein zusammen. Blomstedt war vielseitig interessiert. Mit Renaissance- und Barockmusik beschäftigte er sich in Basel, mit der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts in Darmstadt. In seiner Anfangszeit arbeitete er als Chefdirigent bedeutender skandinavischer Orchester.
Von 1975 bis 1985, noch vor dem Fall der Mauer, die bis 1989 Ost- und Westberlin teilte und die damalige DDR von der Bundesrepublik Deutschland trennte, wurde er Chefdirigent und später Generalmusikdirektor bei der Staatskapelle Dresden. Anschließend übernahm er für zehn Jahre die musikalische Leitung des San Francisco Symphony Orchestra.
Dass ein Westeuropäer noch zu DDR-Zeiten die Stelle als Generalmusikdirektor bei einem ostdeutschen Orchester annahm, erregte damals Aufsehen. "Ich habe lange gezögert in einer kommunistischen Diktatur Chefdirigent zu werden", sagte Herbert Blomstedt in einer Ansprache, die er im November 2018 in der Dresdener Semperoper hielt. Das Orchester aber habe ihn fasziniert. Anlass der Rede war ein Solidaritätskonzert gegen rechte Gewalt mit der Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig. Rechtsradikale hatten in Chemnitz randaliert und regelrecht Jagd auf Migranten gemacht.
Der "Leipziger Volkszeitung" sagte Blomstedt in diesem Zusammenhang: "Wir als Musiker erreichen nur eine begrenzte Anzahl an Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass wir schweigen dürfen und damit den Schreihälsen das Feld überlassen. Im Gegenteil, es ist wichtig, dass wir Farbe bekennen. Ich glaube schon, dass dieses Zeichen wahrgenommen wird. Musik hat eine verbindende Kraft."
Der sächsischen Region war der Dirigent sein Leben lang verbunden. In der Nachfolge von Kurt Masur leitete er von 1998 bis 2005 das Gewandhausorchester in Leipzig. Sowohl die Staatskapelle Dresden als auch das Gewandhausorchester haben Herbert Blomstedt zu ihrem Ehrendirigenten ernannt.
Für sein Lebenswerk und für das herausragende Engagement um die „Pflege internationaler kultureller Beziehungen" erhielt Blomstedt 2022 die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, das "Große Verdienstkreuz mit Stern". Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer würdigte Blomstedt bei der Verleihung als einzigartige künstlerische Persönlichkeit. "Er ist ein Brückenbauer im besten Wortsinn und unterstreicht damit auch die verbindende Brückenfunktion der Kultur in Europa und der ganzen Welt."
Wenn man Herbert Blomstedt nach seinem Rezept für sein hohes Alter fragte, antwortete er, dass er die Kraft aus dem Glauben an Gott, seiner gesunden Lebensweise und der klassischen Musik schöpfe. "Die Musik - und damit meine ich die große klassische Tradition - gibt sehr viel Kraft, weil sie den Intellekt und die Emotionen gleichfalls stimuliert", sagte der Dirigent 2021 im DW-Interview.
Johann Sebastian Bach war Blomstedts Idol. Bruckners vierte Sinfonie hatte ihn schon als Schüler begeistert. Auch um die Komponisten seiner Heimat Schweden und der nordischen Länder hat er sich verdient gemacht. Die Sinfonien von Jean Sibelius und Carl Nielsen hat er ebenso eingespielt wie die Sinfonien von Beethoven, Bruckner und Schubert.
Dass er ein gefeierter Dirigent war, schien Herbert Blomstedt nicht sonderlich zu interessieren. Seine Bescheidenheit ehrte ihn, einen autoritären Führungsstil hatte er nicht nötig. So reiste er bei den Tourneen oft mit dem Orchester im Bus und verlangte in Hotels keine Sonderbehandlung.
"Die Energie, die von dem Dirigenten kommt, ist eine geistige Energie. Das soll nicht eine physische Energie sein - die bringt das Orchester selbst. Aber die geistige Energie! Die braucht einen einigenden Willen. Wenn der nicht da ist, verliert die Musik an Seele", sagte Herbert Blomstedt anlässlich seines 95. Geburtstags dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Beim NDR-Sinfonieorchester war er lange Gastdirigent und Ende der 1990er Jahre kurze Zeit auch Chefdirigent.
Seine fachliche Kompetenz und seine Genauigkeit, mit der er immer wieder die Partituren studierte, brachten ihm große Anerkennung in Fachkreisen. Bruckners Siebte hatte er schon oft dirigiert und kannte sie auswendig, dennoch beschäftigte er sich immer wieder aufs Neue mit der Partitur. "Ich mache viele Notizen, denn ich studiere die Partituren sehr genau, damit jede Note ihren besonderen Sinn bekommt", sagte er dem NDR.
Herbert Blomstedt war zwar in den letzten Jahren körperlich gebrechlich, aber geistig fit. Zeit seines Lebens war der Maestro Vegetarier, Nichtraucher, trank keinen Alkohol und praktizierte Yoga. Blomstedt war bekennender Siebenten-Tags-Adventist. Sein Glaube an Gott spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben. "Ich habe das Glück gehabt, in einer sehr gläubigen Familie aufzuwachsen. Jeden Tag wurde aus der Bibel vorgelesen und gebetet. Ich bin in dieser Atmosphäre aufgewachsen und das begleitet mich bis heute", sagte er der DW im Jahr 2021.
Immer wieder erzählte Blomstedt von seinen wunderbaren Eltern, seinem Bruder, von dem er viel gelernt habe, und von seiner Frau Waltraud, die ihm eine große Stütze gewesen war und ihn bei jedem seiner Konzerte begleitet hatte. Waltraud Blomstedt, mit der Herbert Blomstedt vier Töchter hat, starb bereits 2003.
Dirigieren, so sagte Blomstedt, wollte er solange er körperlich und geistig noch dazu in der Lage sei; und solange seine Orchester Freude daran hätten. "Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, dass die Freude nur auf meiner Seite ist." Laut Berichten seiner Agentur starb Herbert Blomstedt zu Hause in Göteborg im Kreis seiner Familie.
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