Vor sieben Jahren habe ich in meinem Nachklapp zum Filmfestival in Cannes geschrieben, dass Kantemir Balagov eine große Zukunft bevorstehe. Das war der Jahrgang mit Once Upon a Time ... in Hollywood, Parasite und Der Leuchtturm, aber zwischen den großen Namen konnte sich der nicht einmal 30-jährige Russe behaupten.

Grund war sein zweiter Spielfilm Bohnenstange über zwei Frauen im ausgezehrten Leningrad nach dem Zweiten Weltkrieg. Bohnenstange schlitzt dir in einer Sekunde das Herz mit einem filmischen Seziermesser auf und defibrilliert es in der nächsten mit seiner Zärtlichkeit.

Balagov war ein Name, den man sich merken musste, und so ging es offenbar auch Craig Mazin und Neil Druckmann, den Machern der HBO-Serie The Last of Us mit Pedro Pascal. Balagov wurde als Regisseur für die Pilotfolge der Spiele-Adaption angeheuert. Was für andere Kolleg:innen den Startschuss einer Hollywood-Karriere bedeutet, endete für Balagov in einem mittelgroßen Debakel, das jetzt – vier Jahre später und in Cannes – wiedergutgemacht werden soll.

Die Kurzfassung ist die älteste aller Hollywood-Geschichten: kreative Differenzen. Balagov drehte die ursprünglich geplante Pilotfolge von The Last of Us in Kanada, aber er verließ die Horrorserie 2022. Craig Mazin übernahm die Regie, das Konzept des Piloten wurde überarbeitet. Laut Balagov bestand die Folge "Wenn du in der Dunkelheit verloren bist" zu 40 Prozent aus seinen Aufnahmen.

Das ist natürlich nicht der einzige oder gravierendste Grund, warum der junge russische Regisseur sieben Jahre brauchte für seinen neuen Film Butterfly Jam. Balagov sprach sich 2022 gegen die russische Invasion in der Ukraine aus und verließ sein Heimatland. Infolgedessen wanderte auch die Geschichte von Butterfly Jam, nämlich vom Nordkaukasus nach Newark, New Jersey.

Hier treffen wir den jungen Vater Azik (Barry Keoghan), der zur tscherkessischen Diaspora gehört und sich mit seiner Schwester Zalya (Riley Keough) in einem kleinen Restaurant durchschlägt. Barry Keoghan spielt Azik mit einer kindlichen Naivität und Verspieltheit, die sofort einnimmt. Gleichzeitig mag man kaum glauben, dass dieser Azik der Vater eines 16-jährigen Jungen ist.

Pyteh (Talha Akdogan), der als Ringer erste Erfolge feiert, wirkt erwachsener als sein nicht besonders alter Herr. Von Anfang an allerdings zischt etwas unter den rauchigen, warmen Bildern dieser Behelfsfamilie.

Das liegt an Barry Keoghan bzw. Azik, dem die nächste dumme Idee schon im Gesicht geschrieben steht. Und an einem derangierten Harry Melling (Pillion), der seinen Kumpel Marat spielt und schon in seiner ersten Szene mit einer Knarre herumfuchtelt. Zum Spaß, versteht sich. Was denn auch die zwei Gesichter des Films zusammenfasst.

Auf der einen Seite eröffnet Butterfly Jam ein sehenswertes zartes Coming-of-Age-Drama, das mit ein paar originellen, wortlosen Momenten in die Gefühlswelten seiner jungen Held:innen blickt. Es ist ein naher Verwandter von Andrea Arnolds Bird – weil Barry Keoghan wieder einen viel zu jungen Vater spielt und wegen eines dramaturgisch platzierten rosa Pelikans. Auf der anderen Seite lauert eine skizzenhafte Studie destruktiver Männlichkeitszwänge, die zumindest in Ansätzen an die frühen Filme von Martin Scorsese oder James Gray erinnert. Rosé-Kitsch legt sich in Butterfly Jam über einen ständig lauernden Gewalteinbruch, der selbstverständlich eintrifft.

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Wobei Kenner:innen von Kantemir Balagovs Vorgängerfilmen davon kaum überrascht sein werden. Das The Last of Us-Engagement begründete sich schließlich nicht (nur) auf seinen genau beobachteten Charakter- und Milieustudien. In Bohnenstange erstickt die Hauptfigur früh im Film aus Versehen ein Kind. Dass man danach dranbleibt, spricht auch für die Fähigkeiten des Filmemachers und Autors.

In Butterfly Jam fällt das Dranbleiben allerdings schwerer, weil die Gewalt hier wie eine gezielte Schocktaktik wirkt, die daran erinnern soll, dass man keine Sundance-Wohlfühldramödie schaut. Das Leben nach The Last of Us beginnt also mit einer kleinen Enttäuschung, auch wenn das Talent von Kantemir Balagov (und Barry Keoghan und Debütant Talha Akdogan) in einzelnen Momenten durchscheint.

Ich habe Butterfly Jam im Rahmen des Filmfestivals in Cannes gesehen, wo der Film in der unabhängigen Sektion Directors' Fortnight seine Weltpremiere feiert. Butterfly Jam hat noch keinen deutschen Kinostart.

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