Stand: 12.10.2026 • 18:56 Uhr

Auch am zweiten Spieltag der Champions League stehen zwei Duelle zwischen deutschen und norwegischen Klubs an. Dieses Mal haben Viking Stavanger und Bodö/Glimt aber den Heimvorteil - und der besteht vor allem aus Kunstrasen.

Fünfmal nur war es in 34 Jahren der Fall, dass eine Mannschaft in der Ko.-Phase der Champions League weiterkam, obwohl das Hinspiel mit drei Toren Unterschied verloren gegangen war. Der jüngste Fall ist erst sieben Monate her. Sporting Lissabon schaltete den FK Bodö/Glimt aus, der das Hinspiel mit 3:0 gewonnen hatte. Das Ergebnis von 5:0 nach Verlängerung sagt schon aus, dass es ein ganz anderes Spiel war. Aber im Fall der Norweger hat das noch eine andere Bedeutung. Denn im nördlich des nördlichen Polarkreises gelegenen Bodö wird auf Kunstrasen gespielt.

Stavanger liegt zwar mehr als 1.000 Kilometer Luftlinie südlich von Bodö, aber auch dort wird auf Kunstrasen gespielt. Der Kunststoffbelag hat sich in Norwegen durchgesetzt, nur noch wenige Klubs spielen auf Naturrasen, der wegen der Wetterbedingungen viel schwieriger zu pflegen ist.

So kommt es nun dazu, dass gleich zwei deutsche Topteams Erfahrungen mit dem Untergrund machen, der in den meisten europäischen Topligen verboten ist oder nicht genutzt wird, vor allem weil er eine höhere Verletzungsgefahr bergen soll.

Die Bayern, die zum Auftakt in der eigenen Arena mit 5:0 gegen Bodö/Glimt gewannen, treten am Dienstag bei Viking Stavanger an, das am ersten Spieltag mit 1:3 beim VfB Stuttgart verlor. Der BVB spielt am Mittwoch beim FK Bodö/Glimt, gegen den er in der Vorsaison zu Hause nur zu einem 2:2 kam.

Die Spieler der Bundesligisten wissen genau, mit welcher Schärfe sie auf Naturrasen einen Pass spielen müssen, um ihn dem Außenstürmer in den Lauf zu spielen, der in etwa einer Sekunde am Strafraum sein wird. Sie wissen auch, welche Schärfe dieser Pass auf einem nassen Naturrasen benötigt. Sie wissen auch, wie hoch der Ball aufspringt, je nach trocken, nass oder pitschnass. Aber auf Kunstrasen ist es anders.

In der Saison 2021/22 kam es im Viertelfinale der Conference League zum Duell zwischen Bodö/Glimt und der AS Rom. Trainer bei den Italienern war Jose Mourinho. Die Roma verlor das Hinspiel in Norwegen mit 1:2, gewann zu Hause mit 4:0 und holte später den Pokal. Als Mourinho ein paar Monate später im finnischen Helsinki wieder auf Kunstrasen spielen musste, warnte er seine Spieler: "Auf Kunstrasen zu spielen, ist kein Fußball. Es ist ein anderer Sport."

Der Vergleich mit dem Tennis bietet sich an, um Mourinhos These zu erklären. Würde ein Profi, der immer auf schnellem Rasen mit flach abspringendem Ball spielt, auf einen Spieler treffen, der stets auf der langsameren und weicheren Asche spielt, würde er bei vergleichbarer Stärke mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verlieren.

Bei allem Aufschwung, die der norwegische Fußball in den vergangenen Jahren genommen hat, ist Bodö/Glimt schwächer bis deutlich schwächer einzuschätzen als Sporting Lissabon, Inter Mailand und erst recht Manchester City. Aber gegen die Engländer um den norwegischen Superstar Erling Haaland gewann Bodö in der vergangenen Saison zu Hause in der Ligaphase, gegen Inter Mailand wurden die Playoffs auf Grundlage eines 3:1-Heimsieges überstanden. Erst im Achtelfinale kam das Aus - trotz eines 3:0-Erfolges auf eigenem Kunstrasen.

Erling Haaland (r.) verlor mit Manchester City in seiner Heimat.

In der Saison zuvor erreichten die Norweger in der Europa League das Halbfinale. Erst dort schieden sie gegen Tottenham Hotspur aus, verloren sogar zu Hause. Zuvor hatten sie in der eigenen Arena, die keine 8.000 Zuschauer fasst, gegen Twente Enschede 5:2 nach Verlängerung, gegen Olympiakos Piräus 3:0 und gegen Lazio Rom 2:0 gewonnen. Die Auswärtsspiele gingen jeweils verloren.

Kunstrasen ist ein gravierender Vorteil für das Team, das ihn gewohnt ist, und die deutschen Mannschaften sind ihn nicht gewohnt. "Ich glaube, dass sich die Kunstrasenplätze in den letzten Jahren entwickelt haben, die sind nicht mehr so wie bei mir in der Jugend. Zumindest hoffe ich das. Ich lasse mich überraschen", sagte Bayerns Joshua Kimmmich, der vor 13 Jahren vom Junioren- in den Seniorenbereich überging. Sein Trainer Vincent Kompany sagte: "Ich habe in 20 Jahren Karriere nie auf Kunstrasen gespielt."

Sowohl die Münchner als auch die Dortmunder haben darauf verzichtet, sich schon in der Heimat mit dem künstlichen Belag etwas anzufreunden. Beide werden aber - anders als in vielen anderen Fällen - die Gelegenheit zum Abschlusstraining im Stadion des Gegners nutzen. Die Spieler sollten "ein Gefühl bekommen" dafür, welche Schuhe sie tragen müssten.

Simon Cziommer hat viele Jahre in den Niederlanden Fußball gespielt und ist inzwischen als Berater und TV-Experte tätig. Der gebürtige Schüttorfer, Anfang des Jahrtausends Profi beim FC Schalke 04, spielte einst bei RB Salzburg und Heracles Almelo auf Kunstrasen. "Da haben wir zu Hause fast alles gewonnen. Das ist ein Riesenvorteil", sagte er der Sportschau, "ich bin da bei José Mourinho: Das ist ein anderer Sport."

Spielerberater und TV-Experte: Simon Cziommer

Bei einer Trainingsheinheit könnten Spieler "ein bisschen Gespür" für Kunstrasen entwickeln, aber ginge es jetzt schon in einer K.o.-Runde richtig zur Sache, hielte er die Vorbereitung für fahrlässig: "Da sollte man schon eine gute Woche vorher auf Kunstrasen trainieren."

In der "Geschwindigkeit und der Bewegung des Balles" sieht Cziommer die gravierenden Unterschiede zwischen Natur- und Kunstrasen. Daher sagt er auch: "Es ist für mich ein Unding, dass Mannschaften international auf Kunstrasen spielen dürfen." Das grenze schon an Wettbewerbsverzerrung.

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