Letzte Woche trafen sich deutsche und chinesische Unternehmer in Düsseldorf zu einem Wirtschaftsdialog. Auf dem Podium diskutierten die Teilnehmer über Marketingstrategien, Handel und Investitionen in China und Europa. Während der Kaffeepause dominierte jedoch ein anderes Thema, das nicht auf der Tagesordnung stand.

Die Teilnehmer zeigten sich ratlos angesichts des scheinbar endlosen Handelskonflikts. Die Verhandlungen zwischen den USA und China brachten bislang keine greifbaren Ergebnisse, auch nicht nach dem kurzen Besuch von Donald Trump Mitte Mai in Peking. Allen ist klar, dass es hier nicht nur um den Import und Export von Waren und Dienstleistungen oder um Zahlen in der Bilanz geht. Dieser Streit zwischen der größten und der zweitgrößten Volkswirtschaft hat eine weltpolitische Dimension.

"Chinas Konjunktur ist schwach. Die Unternehmen bangen um ihre Geschäfte und müssen dringend Auslandsmärkte erschließen", sagt ein chinesischer Teilnehmer, der anonym bleiben möchte. Er leitete jahrzehntelang die Europa-Niederlassung eines chinesischen Staatskonzerns in Düsseldorf.

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Die Marktregulierung der USA und der EU sei inzwischen ebenso streng und undifferenziert, wobei ideologische Gründe eine Rolle spielten. "Solange die USA mit China im Clinch liegen, wird die EU kaum bereit sein, gegen ihre eigenen Interessen mit uns zusammenzuarbeiten."

Ein typisches Beispiel ist die Elektromobilität. Die EU strebt einen schnellen Umstieg auf E-Mobilität an und will den CO2-Ausstoß im Straßenverkehr drastisch senken. Allerdings fordert Brüssel Zusatzabgaben auf die günstigen Elektroautos aus China, da die EU Wettbewerbsvorteile durch hohe staatliche Subventionen vermutet. China bestreitet dies. Die deutschen Automobilhersteller VW und BMW lehnen die Strafzölle wegen möglicher Umsatzeinbußen infolge chinesischer Vergeltungsmaßnahmen ab. Mercedes warnt vor einer voreiligen Umsetzung.

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Die Position der USA ist noch strikter. "Null chinesische E-Autos", erklärte US-Präsident Donald Trump Mitte September nach seinem Besuch in Irland, einem EU-Mitgliedsstaat. "Europa leidet sehr darunter. Mit Zöllen von 100 bis 150 Prozent habe ich bisher chinesische Autos draußen gehalten."

In Europa wird versucht, eine Balance zwischen der transatlantischen Partnerschaft mit den USA und den Beziehungen zum Reich der Mitte zu finden. Klar ist, dass die USA derzeit Garant für die europäische Sicherheit im Rahmen der NATO sind. Aus europäischer Sicht gelten derzeit aber sowohl China als auch die USA als schwierige Partner.

Der zweite "China-Schock" sei bereits in Europa angekommen, sagte Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission. Der erste China-Schock entstand vor 25 Jahren mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation, als preiswerte "Made in China"-Produkte die Weltmärkte überschwemmten. Der zweite leitet sich aus Chinas technologischem Fortschritt und führender Industrie ab, etwa in der Batterietechnik oder der Kommunikation. "Wir sehen die Folgen bei den Menschen und in den Fabriken in unserer gesamten Union. Dies führt zur Deindustrialisierung der Industriezentren in Europa. Das ist untragbar", erklärte von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union 2026.

Sie bekräftigte ihren Willen, das Handelsdefizit mit China, derzeit etwa eine Milliarde Euro pro Tag, genau wie die USA, auszugleichen und die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen aus China zu verringern. "Worte sind gut, Taten sind besser", betonte die Kommissionspräsidentin. Dies war eine Kampfansage an Peking und gleichzeitig eine Einladung an Washington.

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

"Vor dem Hintergrund der anhaltenden Eskalation der strategischen Rivalität zwischen den USA und China drängen die USA ihre Verbündeten ständig dazu, die Restriktionen gegenüber China in den Bereichen Technologie, Lieferketten und Sicherheit zu verschärfen", sagt Yang Xiepu, Direktorin des Zentrums für chinesisch-deutsche Zusammenarbeit an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS).

Wie sähe unsere Welt aus, wenn sich die USA und China doch noch auf einen gemeinsamen Kurs verständigen könnten? So unterschiedlich beide Länder in Politik und Ideologie auch sind, muss ein Wettstreit zwischen einer etablierten Macht und einer aufstrebenden Macht zwangsläufig mit Konflikten und Kriegen enden? Diese Lehre hatte bereits der griechische Philosoph und Historiker Thukydides vor 2.500 Jahren aus dem Krieg zwischen der aufstrebenden Seemacht Athen und der etablierten Landmacht Sparta gezogen.

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Peking und Washington führen ihre Wettbewerbe auf vielfältigen Ebenen, stets mit dem Ziel, den Gegner zu übertrumpfen. Im Hightech-Sektor untersagt die US-Regierung den Export von Hochleistungschips an China. China wiederum beschränkt den Export seltener Erden, die für die Halbleiterproduktion unverzichtbar sind. Für die Künstliche Intelligenz hat China eine globale Satzung initiiert. Trump ist für eine Deregulierung. Und die KI-Bosse wollen etwas langsamer machen. Zudem arbeiten beide Länder intensiv an bemannten Mondmissionen, seit der letzten Landung auf dem Erdtrabanten 1972.

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

"Wir werden über alles sprechen", kündigte US-Präsident Trump mit Blick auf Xi Jinpings Besuch im Weißen Haus an. Ob Einigungen möglich sind, bleibt offen. Vor den wichtigen Zwischenwahlen im November will Trump das staatsmännische Verantwortungsbewusstsein seiner Republikanischen Partei demonstrieren. Er könne auch große Mengen US-Produkte an schwierige Partner verkaufen, etwa Boeing-Flugzeuge an chinesische Fluggesellschaften. Ein entsprechender Deal wird seit Monaten im Weißen Haus diskutiert, jedoch wurde noch kein Kaufvertrag unterzeichnet. "Ich verkaufe alles", sagte der US-Präsident selbstbewusst.

Den Republikanern wird in den USA wirtschaftliche Kompetenz zugeschrieben, obwohl sie nach Umfragen hinter der oppositionellen Demokratischen Partei liegen. Sollte Trump nach den Midterms die Mehrheit in beiden Kongresskammern verlieren, würde seine Regierungsarbeit in den verbleibenden zwei Jahren deutlich erschwert. Wird Xi sein Wahlhelfer sein und amerikanische Boeings, Bohnen und Beef bestellen?

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

"In Peking geht man davon aus, dass sich China und die USA auf absehbare Zeit gegenseitig in Schach halten werden", sagt Mikko Huotari, Direktor der Berliner China-Denkfabrik MERICS. "Genau so verhalten sie sich auch. Xi braucht keinen Durchbruch in Washington, sondern Zeit. Gleiches gilt für Washington. Es ist eine strategische Pattsituation."

Dass Großmächte wirtschaftliche Integration als Waffe einsetzen und Zölle als Druckmittel verstehen, erfuhr Kanada aus eigener Erfahrung. Bereits im Januar 2026 erklärte der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: "Die alte Weltordnung ist vorbei – wir müssen ihr nicht nachtrauern." Als Reaktion auf wiederholte Erhöhungen der US-Sonderabgaben führte seine Regierung Ende August Sonderzölle auf Stahl, Möbel und Käse aus den USA ein.

Carney sieht sein Land als "ein mittelgroße Macht": "Großmächte verfügen über Marktgröße, militärische Kapazitäten und Einfluss, um Bedingungen zu diktieren. Mittelgroße Mächte haben das nicht. Wenn wir aber bilateral mit einer Hegemonialmacht verhandeln, tun wir das aus einer Position der Schwäche. Wir akzeptieren, was uns diktiert wird, und konkurrieren darum, wer am entgegkommendsten ist. Das ist keine Souveränität", erklärte Carney mit einer klaren Botschaft an Washington. Er rief zum Schulterschluss auf: "Wenn wir nicht am Verhandlungstisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte."

Anfang 2026 besuchte Carney China und vereinbarte eine "strategische Partnerschaft neuen Zeitalters". Ottawa senkte daraufhin die Importzölle auf chinesische Elektroautos von 100 auf 6,1 Prozent. Die Quote liegt bei 49.000 Fahrzeugen pro Jahr.

Letzte Woche bot die EU der kanadischen Regierung eine "assoziierte EU-Mitgliedschaft" an. Carney zeigte Interesse. Trump bezeichnete die Idee als "lächerlich" und drohte erneut mit Zöllen. "Wenn sie das tun und ich es auch nur ansatzweise als feindseligen Akt werte, werde ich den Handel mit Europa einstellen."

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

China habe gerade eine Charmeoffensive gegenüber den US-Verbündeten gestartet, "genauer gesagt den fragilen Verbündeten", so MERICS-Direktor Huotari. Mitte September fand in Indien das BRICS-Gipfeltreffen statt. Xi war dabei. Er war auch beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Kirgisistan. Im November wird China Gastgeber des G-20-Gipfels sein. "Xi versucht, durch seine Teilnahme Vorteile für diese neue Formation zu erzielen. Das ist eine neue Entwicklung."

Kanadas Premier Carney bezeichnet diese neue Form der Diplomatie als "variable Geometrie" - unterschiedliche Bündnisse für verschiedene Themen auf der Basis gemeinsamer Werte und Interessen. Im November wird er zum G-20-Gipfel nach Shenzhen reisen. Auch die EU wird dort am Tisch sitzen und nicht auf der Speisekarte.

Extracted and lightly reformatted for readability. · Source: de