Immer wieder zieht es sie zum Hamburger Fernsehturm zurück, der die Hafenstadt wie ein geheimnisvolles Gravitationsfeld zusammenhält. In 124 Metern Höhe begegnen sich Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) zum ersten Mal. Sie haben jeden Grund zum Feiern: ein bestandenes Abitur und die Aussicht auf ein Leben voller Möglichkeiten – und vielleicht sogar Liebe auf den ersten Blick.

Bevor sich die beiden Hauptfiguren aus Fatih Akins neuem Film richtig kennenlernen, werden sie wieder auseinandergerissen. Und das auf die grausamste Art und Weise. Ein Autounfall legt sich als lähmender Schock über die ersten Minuten aus Geister. Wo eben noch Funken sprühten, breitet sich ein unerträgliches Gefühl der Machtlosigkeit aus und der Fernsehturm wirkt plötzlich wie der größte Grabstein der Stadt.

Fatih Akin hat im Lauf seiner Karriere schon viele Hamburg-Filme gedreht, doch keiner ist wie Geister. Kein abgründiger Rache-Thriller wie Aus dem Nichts, kein vor Lebensfreude pulsierendes Feel-Good-Movie wie Soul Kitchen. Und erst recht kein Tauchgang in die versiffte Seele eines Serienkillers, wie wir ihn in Der goldene Handschuh erlebt haben. Geister zeugt von einer deutlich zärtlicheren Qualität.

Seit zehn Jahren trägt Akin diesen Film mit sich herum. Gepitcht wurde er ihm von einem seiner Söhne, der sagte: "Mach doch einen Film über zwei Freunde, von denen einer ein Gespenst ist." Im Verlauf der vergangenen Dekade hat sich daraus eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und romantischem Melodram entwickelt, die – und das ist der erstaunlichste Teil – in ihrer Gestaltung von Animes inspiriert wurde.

Geister ist zwar keine temporeiche Farbexplosion à la Speed Racer geworden. Wenn Farasha, die beim Autounfall zu Beginn stirbt, Faris fortan in seinen Träumen besucht, entfaltet der Film jedoch eine ähnliche Magie wie die emotionsgeladene Fantasy-Liebesgeschichte Your Name. Es gibt sogar eine Regel: Nur 40 Tage bleiben Farasha für ihre Besuche, ehe sie im Nebel der Erinnerung verschwindet.

Immer wieder ordnet Akin seine Figuren im Bild an, als würden sie sich in einer dieser aus Animes bekannten Einstellungen gegenüberstehen, in der die Zeit wie eingefroren ist. Was Farasha und Faris füreinander empfinden, wird aber nicht laut schreiend formuliert, sondern durch einen filmischen Trancezustand transportiert, der schweigend in nachdenklichen Augenblicken im nächtlichen Hamburg umherwandert.

Von jungen Menschen hat Akin schon oft erzählt, etwa in der Herrndorf-Verfilmung Tschick und dem letztes Jahr erschienenen Amrum, der die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive des 12-jährigen Nanning schildert. Dabei ging es meist um weite Strecken, die die Figuren zurücklegen, um auszubrechen und irgendwie vorwärtszukommen. Geister ist dagegen viel in sich gekehrter.

Das Ende – der Tod – überragt den Film von Anfang an wie der Hamburger Fernsehturm die Lichter der Metropole. Monolithisch, unumstößlich. Direkt in der ersten Szene heißt es, man soll sich nicht umdrehen und den Verstorbenen hinterherschauen. Dennoch sucht Akin mit poetischer Bildsprache einen Weg, diese geliebten Menschen festzuhalten. Sie zu packen und nie wieder loszulassen. Denn es ist so unglaublich unfair.

Geister ist tragisch und herzzereißend und balanciert diese heftigen Emotionen einfühlsam und weise. Zwischen Schmerz und Schuldgefühlen sucht Faris nach Antworten, bis er selbst zum Grenzgänger zwischen den Welten wird. Plötzlich wirken seine Träume wahrhaftiger als die Realität. Was würde er verlieren, wenn er komplett in ihnen verschwindet und völlig bedingungslos seiner Sehnsucht folgt?

Faris hadert mit dem Hier und Jetzt, Farasha mit dem Jenseits – und jener Ort, an dem sie sich verabredet haben, löst sich im durchdringenden Rot und Blau eines Feuerwerks auf. "Ich bin doch da. Schau mich an", fleht Farasha, weil das Ende nun unabwendbar ist. Es kann gar nicht genug betont werden, wie gut Mariam Dawoud und Eren M. Güvercin in diesem Moment sind. Die Kamera könnte sie ewig anschauen.

Neben Animes diente Fatih Akin auch Hitchcocks Meisterwerk Vertigo als Referenzpunkt. Während wir uns durch schwindelerregende Höhen bewegen, fühlt sich Geister zudem wie das Hamburger Echo von Der Himmel über Berlin an – weniger im Kontext der deutschen Geschichte, mehr im elegischen Verweilen über den Dächern einer Stadt und der schwierigen Suche nach einer Verbindung zu den Menschen in dieser.

Ein verstecktes Schmetterlingstattoo verrät hier genauso viel über die Figuren und ihre Beziehungen zueinander wie das Licht, in das sie der Film hüllt. Plötzlich rollt eine Träne über die Wangen der Geister, obwohl sie eigentlich nicht weinen können. Mit großer Ruhe dringt Akin zum Kern seiner metaphysischen Liebesgeschichte vor und beendet sie mit einem der tollsten Schlussbilder des Kinojahres. Unbedingt sehenswert.

Geister läuft ab heute, dem 5. November 2026, in den deutschen Kinos.

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