Ich bin, wie viele Kinder der 80er oder 90er, mit Patrick Stewart groß geworden. Bevor X-Men – Der Film ins Kino kam, hatte ich sogar den Eindruck, dass Stewart in einer schnittigen Sternenflotten-Uniform geboren wurde. So prägend war er als Captain Jean-Luc Picard in Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert. Entsprechend groß war mein Schock, als ich irgendwann 2011 bei Ich, Claudius, Kaiser und Gott auf Play drückte. Da war er nämlich: Patrick Stewart mit Haaren!

Diese Woche mussten wir Abschied nehmen von der britischen Schauspiellegende, die im Alter von 86 Jahren von uns gegangen ist. Das ist Anlass, auf eine beeindruckende Karriere zurückzublicken, die erstaunlich spät auf Hochtouren kam. Als Patrick Stewart zum ersten Mal im Fernsehen die Brücke der Enterprise betrat, war er 47 Jahre alt. Hinter ihm lag schon eine ganze Karriere, die mehrere Serienmeisterwerke hervorgebracht hatte. Darunter ist etwa das Agenten-Doppel König, Dame, As, Spion und Smileys Leute, in dem er den Bösewicht und sowjetischen Spionage-Chef Karla spielt. Noch weiter zurück liegt sein Auftritt in Ich, Claudius – einer der besten Miniserien der Fernsehgeschichte.

1976 strahlte die BBC die 12-teilige Literaturverfilmung aus, die mittlerweile in zahlreichen Bestenlisten geführt wird. Die Geschichte basiert auf zwei Romanen von Robert Graves und erzählt aus knapp 80 Jahren im frühen Römischen Reich. Es ist ein wilder Ritt zwischen Intrigen, brillantem politischem Gespür und Wahnsinn. Erzählt wird sie im Rückblick vom alternden Kaiser Claudius (Derek Jacobi), der auf das (Un-)Glück seiner Vorgänger schaut.

Am Anfang steht der große Augustus (Brian Blessed), der nach einem Erben sucht. Die Geschichte erstreckt sich auch über berüchtigte Namen wie Caligula (John Hurt) und Nero (Christopher Biggins). Noch beeindruckender sind jene, an die wir uns aus dem Geschichtsunterricht vielleicht nicht mehr erinnern. Eine davon ist Augustus' Frau Livia (Siân Phillips), die die Pläne des Kaisers durchkreuzen und ihren Sohn Tiberius auf den Thron hieven will. In den Intrigen verfängt sich auch der einflussreiche Lucius Aelius Seianus, gespielt von Patrick Stewart.

Ausgestattet mit einer verdächtigen, "natürlichen" Haarpracht, stiehlt Stewart jede Szene, die er in seinen vier Episoden von Ich, Claudius hat. Sein Seianus ist eines der hervorragenden Beispiele, wie in der Serie weniger bekannte historische Figuren zu tragenden Elementen des Ensembles gemacht werden.

Stewart war hier schon in seinen 30ern und tritt mit dem vollen Selbstvertrauen eines gestandenen Schauspielers auf, der um sein Charisma und seine Ausstrahlungskraft weiß. Das ist auch einer der Gründe, warum ich bei der ersten Sichtung so vor den Kopf gestoßen wurde. Trifft man normalerweise auf frühe Rollen eines bekannten Stars, dann begegnet man meist einer Work-in-Progress. Man sieht die Jugend, vielleicht auch die Unsicherheit und erahnt die spätere Größe. Wenn ihr Ich, Claudius schaut, werdet ihr einen Patrick Stewart in Perfektion antreffen, lange bevor der Rest der Welt überhaupt seinen Namen gehört hat.

Bei Seianus – einem Ränkespieler im Hintergrund, der später in der Serie de facto über das Reich regiert – ist diese Selbstsicherheit unbedingt nötig. Stewart füllt die Figur bis zur letzten Haarspitze mit einer machtvollen Strahlkraft, die jeden Widerstand im Keim erstickt.

Das Beste aber ist, dass der Rest des Ensembles Stewart gewachsen ist. Dabei werdet ihr auch ohne Kenntnis der Thronfolge im Römischen Reich den Überblick behalten. Ich, Claudius wird nämlich wie Pop-Entertainment mit einem Shakespeare'schen Anstrich erzählt, also anspruchsvoll, aber mit einer Vorliebe für drastische Twists. Drachen kommen nicht vor, aber Fans von Game of Thrones, Rom und Gladiator werden auf ihre Kosten kommen.

Ich, Claudius ist in Deutschland in der Leih- und Kaufversion bei Amazon und anderen Anbietern streambar.

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