Wenn Sandra Hüller in einem Film mitspielt, dann schaut mittlerweile nicht nur Deutschland zu, sondern die Welt. In Der Astronaut - Project Hail Mary war der Toni Erdmann-Star gerade erst an der Seite von Ryan Gosling zu sehen. Ihr (noch) besserer Film aus diesem Jahr lief dagegen auf der Berlinale, wo Rose von internationaler Kritik und Publikum gefeiert wurde. Und das zu Recht.

Im April ist der Film im Kino gestartet, seit dem 16. Oktober 2026 ist er erstmals auch im Streaming-Abo bei MUBI zu sehen. Und wer ihn auf der großen Leinwand verpasst hat, sollte das unbedingt nachholen. Nicht nur ist Rose jetzt schon einer der besten Filme des Jahres, auch ist das erschütternde Historiendrama eines der großen queeren Kino-Highlights 2026.

Rose dreht sich um einen geheimnisvollen Soldaten, der nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem abgelegenen protestantischen Dorf auftaucht. Als angeblicher Erbe meldet er Anspruch auf einen Gutshof und hat sogar die entsprechenden Papiere bei sich. Auch wenn die Ortschaft dem Neuankömmling misstrauisch entgegenblickt, kann er sich dort schon bald ein Leben mit Vieh und Angestellten aufbauen.

Als er die Großbauerstochter Suzanna (Caro Braun) zur Frau nehmen soll, droht jedoch ein großes Geheimnis ans Licht zu kommen: Denn der Unbekannte ist als biologische Frau geboren, die als Mann einen Neuanfang mit jenem Wohlstand wagen wollte, der ihr als Frau für immer verwehrt gewesen wäre. Wie lange dieses Leben im 17. Jahrhundert gut gehen kann, wird schließlich nur die Zeit zeigen.

Rose basiert auf den wahren Geschichten mehrerer Frauen, die im 17. Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg als Männer lebten, um sich gesellschaftlichen Aufstieg zu erkämpfen. Damit rücken Regisseur Markus Schleinzer und Drehbuchautor Alexander Broom einen tatsächlichen und oft übersehenen feministischen Kampf ins Scheinwerferlicht, der vordergründig von den gesellschaftlichen Missständen von Frauen und ihrer stillen Auflehnung während dieser Zeit erzählt.

Doch hinter dieser vordergründigen Geschichte steckt in Rose viel mehr als das: Denn der Film lässt gleich mehrere Lesarten zu, die Sandra Hüllers Figur nicht nur als feministische Ikone zeichnen, sondern auch vollkommen queer. Rose stellt uns folgende Frage, wenn wir der Hauptfigur in atmosphärischen schwarz-weiß Bildern wie selbstverständlich beim Leben und Walten in der deutschen Provinz zuschauen: Was ist biologisches Geschlecht, was ist die Performativität von Gender – und brauchen wir Zuweisungen wie Mann und Frau überhaupt?

An einem Höhepunkt des Films droht Roses "Tarnung" aufzufliegen und die Bewohner:innen des Dorfes stehen mit Fackeln und Mistgabeln vor ihrer Tür. Ein Bewohner erwartet von Rose, die Hose fallen zu lassen, um zu entblößen, ob sich darunter weibliche oder männliche Geschlechtsteile verbergen. Die Szene ruft zahlreiche schmerzhafte Erfahrungen der trans Community ins Gedächtnis, die solche Aufforderungen nicht selten erleben mussten und bis heute noch immer müssen.

Sandra Hüllers Rose hat hierauf die perfekte Antwort: Es ist vollkommen egal, was jemand zwischen den Beinen hat. Das was zählt, ist der Mensch, der da ist. Der den Hof bewirtschaftet, der den Angestellten den Lohn bezahlt, der für die Dorfgemeinschaft sorgt. Das Aussehen und das biologische Geschlecht sollte nebensächlich sein: Ein Manifest nicht nur für die Gleichstellung von Frauen und Männern, sondern für die Akzeptanz jeglicher Identitäten dazwischen und darüber hinaus.

Im Verlauf des Films wird Roses Ehefrau Suzanna auf scheinbar unerklärliche Weise schwanger. Rose hat sie lediglich mit einem selbstgebastelten Horn penetriert, um den Anschein zu bewahren, den Akt der Ehe vollzogen zu haben: Ein altmodischer Strap-on, wenn man so will. Kurz darauf erwartet Suzanna jedoch tatsächlich ein Kind und bringt dieses auch zur Welt. Der Film klärt nicht weiter auf, wo das Kind herkommt und stellt die Frage an das Publikum, ob Rose nicht doch einfach ein rechtmäßiges Elternteil dieses Kindes sein kann – denn wäre das in einer perfekten Welt nicht möglich? Die beiden beginnen in einer Art eigenen, queeren Utopie zu leben, die sich letztlich völlig von kategorischen Zuweisungen befreit.

Für diese großartigen Ambivalenzen kann man den Film nur feiern, der dem Publikum bis zum Ende hin die Frage nach Roses Identität nicht klar beantwortet und Spielraum für mehrere Lesarten lässt. Denn Rose hat letztlich nur das getan, was sich schon immer richtig angefühlt hat: die Hose angezogen. Eine starke Message, für die allein sich das Einschalten lohnt. Dazu kommen die unvergesslichen und eindringlichen Schwarz-Weiß-Bilder, eine unglaubliche Sandra Hüller und eine eindeutig queere Legende namens Rose.

Dieser Artikel erschien erstmals in ähnlicher Form im Juni 2026 anlässlich des Pride Months bei Moviepilot und wir haben ihn für euch aktualisiert.

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