Im Oktober schlug der Chef der Indo-Tibetischen Grenzpolizei, Shatrujeet Kapur, Alarm: An mehreren Stellen entlang der De-facto-Grenze im Bundesstaat Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens sei es zu Konfrontationen zwischen indischen und chinesischen Truppen gekommen. Im vergangenen Monat erklärte Kapur, der bis zum 31. Oktober Generaldirektor der Grenzpolizei war, vor Journalisten: "In den vergangenen Tagen kam es an verschiedenen Orten in Arunachal zu Konfrontationen (mit chinesischen Truppen). Diese dauern an."
"Es könnte schwierig werden, China mit konventionellen Mitteln zu begegnen, denn die Volksbefreiungsarmee und das Grenzverteidigungsregiment Chinas sind uns im Hinblick auf Investitionen und Modernisierung weit voraus", betonte er.
Die umstrittene Grenze zwischen China und Indien verläuft durch eine abgelegene Bergregion. Über die Jahrzehnte haben Zusammenstöße entlang der sogenannten Line of Actual Control (LAC), dem faktischen Grenzverlauf, immer wieder Sicherheitskrisen zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt ausgelöst.
Die Beziehungen zwischen Peking und Neu-Delhi sind noch immer belastet durch die tödlichen Zusammenstößen im Juni 2020, als sich beide Länder gegenseitig beschuldigten, Gebiete unter ihre Kontrolle bringen zu wollen.
Damals kam es zu Auseinandersetzungen im Galwan-Tal in Ost-Ladakh, bei denen indischen Quellen zufolge 20 indische und vier chinesische Soldaten getötet wurden. China bestätigte später, dass vier seiner Soldaten ums Leben gekommen waren.
Die Äußerungen Kapurs haben die Aufmerksamkeit erneut auf die Grenze im Himalaya gelenkt. Der Ministerpräsident von Arunachal Pradesh, Pema Khandu, räumte ein, dass es zu Konfrontationen gekommen sei, spielte diese jedoch herunter. Solche Vorfälle seien nichts Neues und die Lage entlang der Grenze sei normal.
Khandu bestätigte, dass die Grenze nicht eindeutig demarkiert sei und China die McMahon-Linie, die 1914 vom Britischen Empire gezogen wurde und Arunachal Pradesh von Tibet trennt, nicht anerkenne.
Unklar blieb, ob es bei den jüngsten Konfrontationen zwischen chinesischen und indischen Soldaten auch zu tätlichen Auseinandersetzungen kam.
Die oppositionelle Kongresspartei kritisierte die Äußerungen Khandus und warf der regierenden BJP, der Partei des indischen Premierministers Narendra Modi, vor, die Aktionen Chinas "wegzudiskutieren", anstatt Indiens Standpunkt deutlich zu machen. "Das Schweigen des Premierministers und seines Umfelds zu den Vorfällen ist ohrenbetäubend", schrieb Jairam Ramesh, Generalsekretär der Kongresspartei, auf X.
Randhir Jaiswal, Sprecher des indischen Außenministeriums, machte veränderte Patrouillenrouten der chinesischen Streitkräfte für die Vorfälle verantwortlich. "Wie wir schon in der Vergangenheit festgestellt haben, kommt es an der indisch-chinesischen Grenze hin und wieder zu Zwischenfällen, wenn chinesische Streitkräfte von den festgelegten Patrouillenrouten abweichen", betonte er.
Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Guo Jiakun, wies die Vorwürfe jedoch zurück. Die chinesischen Truppen führten "normale Patrouillen" durch, erklärte er, und hielten sich strikt an bilaterale Abkommen.
Die Line of Actual Control trennt die von Indien und China kontrollierten Gebiete. Die Streitkräfte beider Länder patrouillieren jedoch in Gebieten, die sie als ihre jeweils eigenen betrachten, und dringen dabei manchmal auf umstrittenes Gebiet vor.
"Dafür gibt es einen einfachen Grund - weil es keine anerkannte Grenze zwischen beiden Ländern gibt", erklärt Gautam Bambawale, ehemals indischer Botschafter in China, der DW.
Die faktische Grenze erstreckt sich laut Indien über 3488 Kilometer, chinesischen Angaben zufolge ist sie jedoch kürzer. Seit 2003 kamen die Sonderbeauftragten der beiden Länder zu 25 Verhandlungsrunden zusammen, eine Einigung über den Grenzverlauf wurde jedoch nicht erzielt.
Besonders heikel ist der Konflikt in Arunachal Pradesh, denn dieses Gebiet beansprucht China als Teil Südtibets.
Aravind Yelery ist China-Experte an der Jawaharlal-Nehru-Universität und meint, die Region habe an strategischer Relevanz für Peking gewonnen. "Beide Seiten patrouillieren entlang der umstrittenen Line of Actual Control, Reibungen sind also vorprogrammiert", sagt er der DW.
"Neu ist der verstärkte Fokus Chinas auf den östlichen Sektor. Seit China sein 60.000-Megawatt-Wasserkraftprojekt Medog in Tibet angekündigt hat, investiert es massiv in Infrastruktur, Truppen, Ingenieure und Maschinen in der Region", erläutert er.
Die Line of Actual Control sei, so Yelery, "keine schmale Linie, sondern eine breite Zone einander überlappender Ansprüche, in der sich Patrouillen unweigerlich begegnen". Solange die Diplomatie nicht zu konkreten Vereinbarungen vor Ort führe, werde es weiterhin zu Konfrontationen kommen, ist er überzeugt.
Es werde einige Zeit dauern, bis die diplomatischen Zusagen der indischen und chinesischen Staats- und Regierungschefs umgesetzt sind, so Yelery. "Ein breiter Graben trennt die Versprechungen der Staats- und Regierungschefs von den Maßnahmen, die eine Wiederholung der Ereignisse von 2020 verhindern würden, nämlich Rückzug und gegenseitige Zurückhaltung", fügt er hinzu.
Für Indien stellt sich die Frage, ob sich die jüngsten Konfrontationen in die üblichen Patrouillenkonflikte einreihen lassen, oder ob sie auf eine weitreichendere Veränderung in den chinesischen Aktivitäten entlang der Grenze hinweisen.
Für Ashok Kantha, einen weiteren ehemaligen indischen Botschafter in China, sind die chinesischen Grenzverletzungen im östlichen Sektor nichts Neues, doch er hält den genauen Ort und ihr Ausmaß für wichtig.
"Wenn die Chinesen diesmal tiefer auf unsere Seite der Line of Actual Control eingedrungen sind, oder in neuen Bereichen eine Präsenz etabliert haben, oder eine bestehende Präsenz ausgeweitet haben, wäre das eine ernstzunehmende Entwicklung", betont er.
Er verweist auf Vereinbarungen, die von beiden Ländern unterzeichnet wurden, um den Frieden entlang der Grenze zu wahren. "Ein solches Vorgehen würde mehrere Grenzabkommen zwischen Indien und China verletzen (1993, 1996, 2005, 2012 und 2013). In diesen haben sich beide verpflichtet, die Line of Actual Control zu respektieren, sich an sie zu halten und den Status quo nicht zu verändern."
Öffentlich hat die indische Regierung keine Einzelheiten dazu genannt, wo und unter welchen Umständen die jüngsten Konfrontationen stattfanden. Es bleibt also unklar, ob sich durch sie die Lage vor Ort verändert hat.
Die Vorfälle finden in einem Moment statt, in dem China und Indien versuchen, ihre Beziehungen zu festigen und die Ereignisse von 2020 hinter sich zu lassen. Sowohl Peking als auch Neu-Delhi haben Zeichen der Versöhnung gesetzt, darunter die Wiederaufnahme einiger Direktflüge und die Lockerung von Reise- und Handelsbeschränkungen.
Nach einem Treffen von Narendra Modi und Xi Jinping auf dem BRICS-Gipfel in Kasan in Russland im Oktober 2024 hatte die diplomatische Wiederannäherung Fahrt aufgenommen. Im August 2025 trafen sich die beiden erneut auf dem SCO-Gipfel im chinesischen Tianjin und in diesem Jahr auf dem BRICS-Gipfel in Neu-Delhi. Der Grenzkonflikt jedoch bleibt noch immer ungelöst.
Alka Acharya ist Direktorin des Instituts für Chinastudien in New-Delhi. Sie warnt davor, ohne weitere Informationen aus den jüngsten Begegnungen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Die Regierung habe die Vorfälle als Konfrontationen bezeichnet, jedoch nicht angedeutet, dass chinesische Truppen die Kontrolle über indisches Territorium übernommen hätten, betont sie.
"Es stellt sich die Frage, welcher Art diese sogenannten "Auseinandersetzungen" sind, nicht, warum diese Auseinandersetzungen erneut stattfinden. Bei jeder Meinung, die zu diesen neuesten Vorfällen geäußert wird, handelt es sich im besten Fall um Spekulationen ohne eindeutige Beweise", sagt sie zur DW.
Trotz diplomatischer und politischer Bemühungen sei es in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten regelmäßig zu Vorfällen an der Grenze gekommen. Der ungelöste Konflikt werde das Misstrauen weiterhin schüren und die Beziehungen insgesamt negativ beeinflussen.
Ob die jüngsten Zwischenfälle Anzeichen für eine ernstzunehmendere Eskalation sind, hängt von den genaueren Umständen ab, die Neu-Delhi noch nicht öffentlich gemacht hat.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.
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