Analyse
Stand: 06.11.2026 • 15:31 Uhr
Jürgen Klopp hat einen klaren Plan, um Talente wie Wael Mohya für die deutsche Nationalelf zu gewinnen. Unnötigen Druck will der Bundestrainer nicht aufbauen.
Der Bundestrainer hat sich sehr genau überlegt, wie er seinen Kader für die Nations-League-Spiele gegen Serbien am 13. November (20.45 Uhr) und gegen die Niederlande am 16. November (20.45 Uhr, live in der ARD) zusammenstellt. Jede Position ist doppelt besetzt, und das meist mit unterschiedlichen Profilen.
Weil es womöglich beim Geisterspiel in Belgrad etwas anderes braucht als beim angestrebten "Endspiel" um den Viertelfinaleinzug in einem ausverkauften Berliner Olympiastadion. Grundsätzlich sei das Aufgebot "ein bunter Mix aus sehr jung und durchaus erfahren", sagte der Bundestrainer in einem Videointerview auf dem DFB-Campus.
Der 59-Jährige ist fest davon überzeugt, dass im deutschen Fußball für die Zukunft enorm viel Talent schlummert. Und woran der neue Hoffnungsträger nicht eine Sekunde zweifelt: an der Identifikation mit dem Nationalteam. Akteure, die auch für ein anderes Land antreten können, sollen sich am besten voller Überzeugung für Deutschland entscheiden.
Exemplarisch ist die erstmalige Berufung von Wael Mohya verlaufen. Der in Mettmann bei Düsseldorf geborene Shootingstar von Borussia Mönchengladbach hätte auch die Option, für Marokko aufzulaufen - soll nun aber an die DFB-Elf herangeführt werden. "Es gibt ja nicht viele 17-Jährige, die aktuell Bundesliga spielen. Und das ist ja schon ein herausragendes Merkmal", lobte Klopp, der sich bei dieser Personalie stark persönlich engagiert hat.
Insgesamt dreimal habe er mit Spieler und Familie gesprochen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, in welche gemeinsame Richtung es gehen könnte. Dem Bundestrainer geht es in diesen Fällen generell darum, zu sprechen, ohne etwas zu versprechen. Der Menschenfänger und Überzeugungstäter Klopp: "Ich habe große Lust, die Zukunft mit Wael anzugehen, ohne jetzt irgendwelche Versprechungen zu machen."
Denn als Trainer habe man auch "eine gewisse Sorgfaltspflicht - und je jünger die Spieler sind, desto größer ist die." Er kümmere sich "seit geraumer Zeit um jüngere, hochtalentierte Menschen - das habe ich der Familie Mohya gesagt." Letztlich habe man sich darauf geeinigt, "dass wir ihn mitnehmen mal zum Sehen". Motto: erst mal reinschnuppern, später festspielen. Eine Einsatzgarantie ist in die erste Nominierung nicht implementiert.
Klopp will sich später nicht vorwerfen lassen, vielleicht Perspektiven zu spät aufgezeigt zu haben - oder sich wie so manch ein Vorgänger eher rudimentär um die wachsende Gruppe derjenigen Jungprofis zu kümmern, die für zwei oder mehr Nationalitäten auflaufen können.
Mohya ist bei den Stammbesuchern im Borussia-Park in aller Munde: Ihr Hoffnungsträger tritt mutig auf, ist klar im Kopf und lässt sich auch im Zweikampf nichts gefallen. Klopp erkennt das technische Potenzial, gleichzeitig weiß er um den körperlichen Nachholbedarf des 65-Kilo-Leichtgewichts.
Weiter ist diesbezüglich U21-Nationalstürmer Nicolo Tresoldi, der als durchsetzungsstarker Angreifer beim Champions-League-Teilnehmer Club Brügge ein logischer Kandidat für die A-Nationalmannschaft wäre. Doch der 22-Jährige hat fest vor, die U21-EM nächsten Sommer in Albanien und Serbien zu spielen. Der Deutsch-Italiener würde gerne noch deutscher U21-Rekordtorschütze werden.
Geht für die U21-Nationalmannschaft voran: Nicolo Tresoldi
Und was kommt danach? Auch Roberto Mancini hat für die italienische Nationalelf die Fühler ausgestreckt. Klopp will keinen Druck ausüben und würde akzeptieren, wenn sich ein bis zum zwölften Lebensjahr in Italien lebender Fußballer gegen die DFB-Elf entscheidet.
Schmerzlich war es für den Verband, dass der in Berlin geborene Ibrahim Maza seit zwei Jahren für die algerische Nationalmannschaft aufläuft. Wohl auch, weil der mittlerweile 20 Jahre Edeltechniker glaubte, dass Florian Wirtz und Jamal Musiala ihm den Weg versperren würden. Der aus Regensburg stammende Can Uzun als Spielmacher von Eintracht Frankfurt, ebenfalls 20, technisch hoch veranlagt, debütierte vor zwei Jahren für die Türkei. Deutschlands Buhlen blieb erfolglos.
Der nächste umworbene Frankfurter dürfte Nico ("Gigi") Ilicevic sein, der just gegen den Hamburger SV (3:1) im Alter von 16 Jahren und einem Tag seinen Bundesliga-Einstand gab. Von einem Jahrhunderttalent ist die Rede. Auch Klopp war der Irrwisch beim Trainingsbesuch im Sommer aufgefallen. Onkel Ivo Ilicevic hat als Bundesligaspieler einst acht Länderspiele für Kroatien bestritten - auch eine Option für den Neffen?
Wie komplex jeder Einzelfall ist, wie viel Unsicherheit, ja Unentschlossenheit in jungen Jahren auch noch mitspielt, wenn sinnbildlich zwei Herzen in einer Brust schlagen, zeigt der Fall des Verteidigers Matteo Palma von Udinese Calcio, auf den der deutsche Trainer Kosta Runjaic baut.
Der in Berlin geborene und bei Hertha BSC ausgebildete Abwehrspieler besitzt sowohl die deutsche als auch die italienische Staatsbürgerschaft, absolvierte erst acht Einsätze für die italienische U15, entschied sich dann für die deutsche U16 und U17-Nationalmannschaft, nun aber könnte die Tendenz beim 18-Jährigen zur "Squadra Azzurra" gehen. Abgeschlossen scheinen die Überlegungen mitnichten.
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