Nach dem plötzlichen Tod des Freie-Wähler-Vorsitzenden und bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger sind die näheren Umstände weiterhin offen. Der 55-Jährige war am Mittwoch leblos in einem Hotel in Berlin-Mitte gefunden worden, nachdem er wegen gesundheitlicher Probleme eine Rede im Hauptstadtbüro seiner Partei abgesagt hatte.

Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete nach eigenen Angaben ein Todesermittlungsverfahren ein, um "die konkrete Todesursache und den Hergang des Todes herauszufinden sowie ein mögliches Fremdverschulden auszuschließen". Aiwangers Leichnam wurde obduziert. "Das vorläufige Ergebnis der Obduktion ergab keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden", teilte die Staatsanwaltschaft an diesem Donnerstag mit. Es stünden noch weitere gerichtsmedizinische Untersuchungen an. "Die konkrete Auffindesituation kann aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit noch nicht preisgegeben werden", sagte ein Sprecher.

Weggefährten Aiwangers, aber auch politische Gegner reagierten mit Bestürzung auf die Nachricht. Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich "tief betroffen". Der CDU-Vorsitzende ließ mitteilen, die Bundesrepublik verliere "einen streitbaren Politiker, der für seine Überzeugungen eingetreten ist".

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der mit den Freien Wählern in einer Koalition regiert, sprach von einer "absoluten Tragödie". Mit Aiwanger gehe "ein echtes Mannsbild, ein starker Bayer, guter Wirtschaftsminister, aber auch ein warmherziger Mensch". Der CSU-Chef ließ Trauerbeflaggung an allen Dienstgebäuden des Freistaats anordnen. Landtagspräsidentin Ilse Aigner erklärte, Aiwanger sei mitten aus dem Leben gerissen worden. "Ein großer Verlust für Bayern", fügte sie hinzu.

Der stellvertretende Landesvorsitzende der Freien Wähler, Armin Kroder, schrieb, Aiwanger sei ein persönlicher Freund gewesen. Seine Stärke habe darin gelegen, unterschiedliche Meinungen aufzunehmen und etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Der gebürtige Niederbayer, Landwirt und studierte Agraringenieur sei "bodenständig und heimatverbunden" gewesen, "mit dem festen Willen, die Anliegen der Menschen erst zu nehmen.

Die Fraktionsvorsitzende der oppositionellen Grünen im Landtag, Katharina Schulze, erklärte: "Mein tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Angehörigen und allen, die ihm nahestanden. Ich wünsche ihnen in dieser schweren Zeit viel Kraft, Zusammenhalt und Trost." Die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel sprach von einer "sehr traurigen Nachricht". Aiwanger hinterlässt seine Lebensgefährtin, die Regensburger Landrätin und Parteikollegin Tanja Schweiger, und zwei gemeinsame Kinder.

Die Freien Wähler verschoben kurzfristig ihren Parteitag, der für Mitte November geplant war. Ein neuer Termin ist noch nicht bekannt. Der stellvertretende Bundesvorsitzende und EU-Abgeordnete Joachim Streit sagte, vermutlich werde die Veranstaltung erst im kommenden Jahr nachgeholt. Streit würdigte den Verstorbenen als "echten Freigeist". Er sei ein "Kämpfer für den kleinen Mann" gewesen; gleichzeitig habe er immer "das Große im Blick gehabt".

Der Bauernsohn, der schon als Kind auf dem elterlichen Hof mithalf, galt als streitbarer Charakterkopf. Er prägte das Gesicht der Freien Wähler für Jahrzehnte. 2006 wurde er Landesvorsitzender in Bayern, 2010 auch Bundeschef. Schon 2008 war der Partei, die stark in den Kommunen verwurzelt ist, erstmals der Sprung in den bayerischen Landtag gelungen. Zehn Jahre später, 2018, schmiedeten die Freien Wähler gemeinsam mit der CSU eine Koalition. Aiwanger wurde Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident.

Der Spätsommer 2023 markierte eine Zäsur: Wenige Wochen vor der Landtagswahl berichtete die "Süddeutsche Zeitung", während Aiwangers Schulzeit sei in dessen Tasche ein antisemitisches Flugblatt gefunden worden. Die Regierungskoalition mit der CSU stand am Rande des Scheiterns, Aiwanger drohte der Rausschmiss. Aiwangers Bruder sagte schließlich, er selbst und nicht Hubert habe das Flugblatt verfasst. Bei der Wahl feierten die Freien Wähler mit 15,8 Prozent ein neues Rekordergebnis.

Zuletzt konnte die Partei unter seiner Führung der CSU bei den bayerischen Kommunalwahlen in diesem Frühjahr wichtige Landratsposten abjagen. Viele Wähler vertrauten offenbar dem Mann, der ohne Manuskript mit niederbayerischem Idiom eine Rede im Landtag ebenso wie im Bierzelt halten konnte und der für seine Widersacher nur ein "Populist" war - eine Titulierung, die er selbst ablehnte. Doch trotz aller Erfolge im Freistaat blieb ein großes politisches Ziel Aiwangers zu seinen Lebzeiten unerreicht: der Einzug der Freien Wähler in den Bundestag.

jj/haz (dpa, afp, epd, munzinger)

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