Stand: 16.10.2026 • 17:45 Uhr

Warum funktioniert in NRW nicht, was anderswo ein Erfolgsmodell ist? Fanprojekte werfen dem Landesinnenministerium vor, sie außen vor zu lassen. Und auch die Kommunen fühlen sich übergangen. Ist das Projekt bereits im Ansatz gescheitert?

Michael Gabriel könnte einfach behaupten, er habe es ja vorher gewusst. Das vermeidet er, denn er sei nicht dabei gewesen - und wolle deshalb die Ausschreitungen beim rheinischen Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach (2:1) am 11. Oktober nicht bewerten.

Doch der Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) hatte sich schon einige Tage vor dem Hochrisikospiel gegenüber der Sportschau kritisch zum neuen Sicherheitsprojekt in Nordrhein-Westfalen geäußert. Offiziell: Kooperationsvereinbarung zur Einrichtung und Einhaltung von Stadionallianzen. Er habe Sorge, so Gabriel, dass die Stadionallianz in NRW aufgrund ihrer Struktur nicht funktioniere.

Im Juli hatte Innenminister Herbert Reul die Weiterentwicklung der sogenannten Stadionallianzen verkündet, inklusive Ausweitung auf fanstarke Vereine in der 3. Liga. Kern des Konzepts: deutlich reduzierte Polizeipräsenz im Stadion und direkten Umfeld. Mehr Eigenverantwortung der Vereine bei Einlasskontrollen. Ein Eingreifen der Polizei erfolge erst bei Straftaten.

Aus 1.400 Einsatzkräften beim Rheinischen Derby im März 2026 wurden diesmal "mehrere hundert", wie die Polizei mitteilte. Nun stellt sich die Frage: Ist das Modell bereits nach dem ersten Härtetest gescheitert? Aus Sicht der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) NRW gibt es für diesen Rückschluss keine Hinweise.

Auch das NRW-Innenministerium erklärt auf Anfrage: "Die Stadionallianzen bieten aufgrund der klar festgelegten Verantwortlichkeiten der Vereine sowie der Landes- und Bundespolizei und der einzelfallbezogenen Abstimmungen im Netzwerk gerade auch bei Hochrisikospielen eine sehr gute Grundlage für die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure."

Die Vereine sind nach dem Konzept für die Sicherheit im Stadion verantwortlich, die Polizei reduziert ihre Kräfte vor Ort - und regelt die Abläufe rund ums Stadion. Je näher die Fans dem Stadion kommen, umso weniger Einsatzkräfte sollen sie sehen. Das soll deeskalierend wirken.

Das Landes-Innenministerium sieht daher vor allem den Veranstalter in der Pflicht: "Die Bewertung des Sicherheitskonzepts und des Einsatzes des Sicherheits- und Ordnungsdienstes liegt daher zunächst in erster Linie in der Verantwortung des 1. FC Köln." Zuvor hatte schon die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) das Kölner Sicherheitskonzept als "erkennbar ungenügend" bezeichnet. Ein Vorwurf, den das Kölner Fanprojekt in einer Stellungnahme mit der Frage konterte, auf welcher Grundlage die Verantwortung eindeutig beim Veranstalter verortet werde, "bevor die Abläufe umfassend aufgearbeitet" seien.

Auch Michael Gabriel betont, so einfach sei die Sache nicht. In acht Bundesländern laufe das mit "deutlichen Unterschieden" zum NRW-Konzept ab. Zwei entscheidende Akteure würden dort aus der Partie genommen: Fans und Kommunen. Er habe bereits nach Reuls Aussagen im Juli bei Fanprojekten im Westen "eine große Unsicherheit wahrgenommen". Auch in Köln: "Einerseits gibt es eine neue Strategie, die aber nicht ausreichend kommuniziert worden ist."

Der Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fanprojekte, Michael Gabriel

Ihm falle es schwer, so Gabriel, überhaupt von Stadionallianzen zu sprechen, "weil das, was in Nordrhein-Westfalen umgesetzt wird, nicht dem entspricht, was in anderen Bundesländern unter Stadionallianzen verstanden wird". Alles beruhe "auf Vorbereitungen im Netzwerk, auf einer hohen Kommunikation im Netzwerk und Transparenz darüber, was von jeder Seite geplant wird".

Das sorge dafür, dass Fanprojekte und sogar Ultra-Vertreter vielerorts über ihren Schatten springen und mit der Polizei sprechen: "Überall sind die Fanprojekte involviert, überall sind die Kommunen involviert. Das sind zwei elementare Partner in diesen Kommunikationsstrukturen. In NRW sind die Kommunen und Fanprojekte aber nicht involviert." Das bringe "ein gut funktionierendes System unter Spannung".

Eine Stadionallianz sei Vertrauenssache, betont Gabriel. Als Musterland gilt Baden-Württemberg, das 2017 Stadionallianzen zuerst eingeführt hat. Auf Druck des dortigen Landesrechnungshofes, der zu hohe Polizeikosten monierte - und vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen Studie der Fachhochschule Potsdam, die die Zusammenarbeit und Kommunikation aller an Spieltagen Beteiligter analysiert. In NRW, so Gabriel, fehle aber "das wichtigste Kommunikationstool in Richtung der Fanszenen: die Fanprojekte".

Hätte man sonst womöglich schon vorher gewusst, was in Köln droht? Möglich. Die Fanprojekte seien zwar keine Sicherheitsakteure im eigentlichen Sinne, "aber weil die Jugendlichen den Kollegen und den Kolleginnen vertrauen, ist es uns tatsächlich möglich, dass wir die Perspektiven von Fans in das Netzwerk transportieren", sagt Gabriel: "Wir übersetzen sozusagen, was in den Fankurven erwartet wird - und übersetzen auch, wenn das und das gemacht wird, dann könnte es diese oder jene Reaktion auf Fanseite hervorrufen."

In anderen Ländern werde "ein guter Kommunikationsfluss gewährleistet", das führe zu erfolgreichen Allianzen. Seit einigen Monaten auch in Sachsen, wo ein brisantes Ostderby das nächste jagt, der Draht in die Fanszene aber mittlerweile so gut ist, dass bei einigen Spielen in der auch für die Polizei anspruchsvollen Regionalliga Nordost sogar fast gänzlich auf Einsatzkräfte verzichtet wird. Ein Meilenstein, laut Gabriel.

In NRW sind die Fans lediglich über die Fanbeauftragten der Vereine eingebunden. "Sie sorgen dafür, dass die Perspektive der Fans einbezogen wird und leisten wichtige präventive Arbeit", schreibt das Innenministerium in Düsseldorf. "Sie sind Angestellte der Vereine und sind in die Sicherheitsstruktur an den Spieltagen integriert. Sie sind wertvolles Bindeglied zu den sozialpädagogischen Fanprojekten."

Auch die Kommunen fühlen sich bei der Stadionallianz in NRW nicht mitgenommen. Der Sportschau liegt ein Schreiben des Städtetages NRW vom 16. September an das Innenministerium vor, tags darauf ging eine Protestnote an den Sportausschuss sowie den Rechts- und Verfassungsausschuss. Darin heißt es: "Sowohl der Zeitpunkt der Kommunikation unmittelbar vor Beginn der Spielzeit der ersten bis dritten Fußballliga als auch die veränderte Bewertung der Zuständigkeiten werfen aus unserer Sicht erhebliche Fragen auf."

Die Kommunen wurden davon überrascht, dass Fanmärsche zum Stadion nicht mehr von der Polizei begleitet werden - auch das ein Teil des neuen Sicherheitskonzeptes. Das verkenne "das erhebliche Gefahrenpotenzial, das sich aus der Dynamik und dem Verhalten der Gruppe ergeben kann", schreibt der Städtetag. Straßensperrungen liefen ins Leere, mit Risiken für Verkehrsteilnehmer und Unbeteiligte. Zudem entstehen Mehrkosten für die Kommunen.

Michael Gabriel forderte das NRW-Innenministerium auf, noch einmal zu "justieren, nachdem dieser Schritt nun nicht so gut gelungen ist". Womöglich aber, mutmaßt Gabriel, lägen beide Seiten in ihren Motiven zu weit auseinander. Gabriel glaubt, Innenminister Reul gehe es vornehmlich darum, Polizeikosten einzusparen.

Das könnte mit dem Druck zusammenhängen, den mittlerweile der Landesrechnungshof (LRH) auf das Innenministerium in NRW ausübt. Vergangene Woche hatte LRH-Präsidentin Brigitte Mandt gegenüber der Sportschau erneut gefordert, die Landesregierung möge endlich die Mehrkosten für Hochrisikospiele dem Veranstalter in Rechnung stellen. In NRW ging es in der Saison 2024/25 um 15 Millionen Euro.

Unterstützung bekommt der Rechnungshof nun angesichts der hässlichen Derby-Bilder von der Deutschen Polizeigewerkschaft in NRW: "Um endlich Verhaltensänderungen herbeizuführen, wird es zudem unumgänglich sein, dass die Vereine an den Kosten der Polizeieinsätze beteiligt werden - die Zurückhaltung des Landes NRW muss hier wirklich besonders kritisch gewürdigt werden."

In Baden-Württemberg zeigt sich, dass sich mit Stadionallianzen durchaus Polizeikosten sparen lassen. Seit Einführung der Allianz seien die jährlichen Polizei-Einsatzstunden um 34.000 gesunken auf zuletzt 174.000 in der Saison 24/25, erklärt das Innenministerium in Baden-Württemberg auf Anfrage der Sportschau. Das spare pro Saison bis zu zwei Millionen Euro ein.

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