FAQ
Stand: 07.10.2026 • 06:06 Uhr
Heute beginnen die Verhandlungen über die Tarifbedingungen in der Metall- und Elektroindustrie. Betroffen sind rund 3,7 Millionen Beschäftigte. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Gesprächsstart.
IG Metall und Arbeitgeber verhandeln von heute an über die Tarifbedingungen in der Metall- und Elektroindustrie - all das angesichts internationaler Krisen und steigender Inflation. Betroffen sind rund 3,7 Millionen Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen wie Automobil, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Rüstungsgüter.
Nach einem aufwendigen Verfahren haben sich die regionalen Tarifkommissionen und der Bundesvorstand der IG Metall Ende September auf eine Forderung nach fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten verständigt. Gleichzeitig müsse über die Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten verhandelt werden, sagt die Vorsitzende Christiane Benner angesichts drohender Werkschließungen.
Zudem will die Gewerkschaft in sogenannten "Boom-Unternehmen" die Beschäftigten am Gewinn beteiligen. Die IG Metall hob dabei hervor, dass der Auftragsbestand in zwei Dritteln der Unternehmen laut Erhebungen der Gewerkschaft "gut oder sehr gut" sei. Insbesondere bei Herstellern von Schiffen und Schienenfahrzeugen sowie in der Medizintechnik, in der Luft- und Raumfahrt und im Rüstungsbereich gebe es derzeit einen Boom, an dem auch Beschäftigte beteiligt werden müssten.
Bei der vorangegangenen Tarifrunde war die IG Metall mit einer Forderung nach sieben Prozent mehr Geld in die Verhandlungen gegangen. Erreicht wurde schließlich in zwei Stufen eine Steigerung um 5,1 Prozent - allerdings über einen Zeitraum von 25 Monaten.
Die Arbeitgeberverbände haben die Forderung bereits zurückgewiesen. Gesamtmetall sieht keinen Verteilungsspielraum und verweist auf die verschärfte Deindustrialisierung mit dem Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren. Die Arbeitgeber verweisen auf den Abbau von rund 350.000 Stellen seit 2019 und eine weiterhin rückläufige Produktion. Einer von mehreren Gründen für die schlechte Lage seien die hohen Lohnkosten.
Vielen Unternehmen gehe es schlecht, sagt der neue Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter und gibt die Linie vor: "Wir haben in der kommenden Tarifrunde nicht den Luxus, über die Verteilung von Zuwächsen zu verhandeln. Jetzt muss es darum gehen, Kosten zu senken und den Standort zu retten."
Noch weiter gehen Unternehmensvertreter etwa beim Auto-Schwergewicht Mercedes-Benz, die eine Rückkehr zu 40 Stunden Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich verlangt haben. Die 35-Stunden-Woche steht im Vergütungs-Tarifvertrag aber nicht zur Diskussion.
Die wirtschaftliche Lage ist durchaus unterschiedlich, was eine Einigung im größten Flächentarifvertragssystem Deutschlands zusätzlich erschwert. So laufen die Geschäfte in der Elektroindustrie gut, und der sonstige Fahrzeugbau erlebt mit Rüstungsgütern gerade eine schuldenfinanzierte Sonderkonjunktur. Gut gehe es auch Betrieben der Medizintechnik und der Luft- und Raumfahrt, sagt die IG Metall auf der Grundlage einer Mitgliederbefragung. Allerdings arbeitet laut Gesamtmetall die Minderheit der betroffen Beschäftigten in diesen Branchen.
Die Mehrheit der 3,7 Millionen Beschäftigten sei in Betrieben beschäftigt, denen es derzeit schlecht gehe. Gerade die Autoindustrie steckt angesichts immer schärferer China-Konkurrenz und Absatzproblemen tief in der Krise, die in Werkschließungen gipfeln könnte.
Zwar sind die Beschäftigten der kriselnden Volkswagen AG beim Flächentarif ausgeklammert, weil für sie ein eigener Haustarifvertrag verhandelt wird. Drin in der Fläche sind hingegen die Angestellten der VW-Tochter Audi sowie der Konkurrenten Mercedes-Benz und BMW.
Die Tarifverhandlungen beginnen in regionalen Runden, den Auftakt machen heute die Bezirke Südwest und Nordrhein-Westfalen. In einem informellen Verfahren schauen beide Seiten, wo eine Annäherung möglich scheint. Wenn sich ein Pilotbezirk herauskristallisiert, wird dort stellvertretend zu Ende verhandelt.
Dabei können sich auch die zentralen Einheiten einschalten, also der Dachverband Gesamtmetall in Berlin und der Vorstand der IG Metall in Frankfurt. Wenn es ein Ergebnis gibt, wird dies in den folgenden Tagen auf die anderen Tarifgebiete übertragen.
Die Abschlüsse der jüngeren Vergangenheit stammten fast immer aus den mitgliederstarken IG-Metall-Bezirken Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. 1997 war mit Niedersachsen letztmals eine der kleineren Einheiten dran. 2024 hatten die Tarifpartner das übliche Muster verlassen und einen Abschluss in Gemeinschaftsverhandlungen der Tarifgebiete Küste und Bayern erreicht.
Umfassende Warnstreiks mit Hunderttausenden Beteiligten sind in der Metall- und Elektroindustrie eher die Regel als die Ausnahme. Die IG Metall nutzt die zeitlich begrenzten Ausstände regelmäßig zur Mobilisierung alter und neuer Mitglieder. Die aktuellen Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus. Danach sind sofort Warnstreiks möglich, weil keine nachlaufende Friedenspflicht vereinbart worden ist.
Eher unwahrscheinlich sind hingegen unbefristete Streiks mit vorheriger Urabstimmung. Die IG Metall betont zwar stets ihre volle Streikkasse, geht aber selten diesen letzten Schritt.
Allerdings betonte sie vor Beginn der Tarifverhandlungen ihre Entschlossenheit. Die Kampfbereitschaft sei deutlich höher als in den Jahren zuvor, sagte der Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, Knut Giesler, in Düsseldorf. Giesler ist Verhandlungsführer für den Tarifbezirk Nordrhein-Westfalen. "Wir haben unsere Fristen auch für Eskalationsszenarien innerhalb der IG Metall deutlich verkürzt."
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