Stand: 23.09.2026 • 13:11 Uhr

Gebärdensprache kann Teilhabe für schwerhörige und gehörlose Menschen ermöglichen. Beim Fernsehsender Phoenix wird damit die tagesschau gedolmetscht, in einem Essener Gebärdenchor ist sie Teil von Auftritten.

Wenige Minuten vor der Sendung weiß Marcel Zamojski noch immer nicht, was auf ihn zukommt. Gleich wird er in einem Kölner Fernsehstudio die 20-Uhr-Ausgabe der tagesschau live dolmetschen. "Ich weiß die groben Themen und das war's", sagt Zamojski. "Ansonsten dolmetsche ich nach Gehör." Die Texte der Sprecher und Beiträge kennt er nicht vorab.

Zamojski gehört zu einem Team von Gebärdensprachdolmetschern, das die tagesschau für den Fernsehsender Phoenix simultan dolmetscht. "Ich bin mit der Gebärdensprache aufgewachsen", erzählt er. Seine Eltern sind gehörlos, er bezeichnet sich als Muttersprachler. Dennoch ist die tagesschau mit ihren vielen Fachbegriffen, Ortsbezeichnungen und Personennamen eine Herausforderung für ihn.

Einen Duden für die Gebärdensprache gibt es nicht. Zamojski nutzt in der Sendungsvorbereitung verschiedene Nachschlagewerke, beispielsweise für die korrekte Verwendung von Ländernamen

Die Gebärdensprache sei aber ständig im Wandel. "Namensgebärden oder Städtegebärden entwickeln sich im Laufe der Zeit", sagt Zamojski. Inzwischen spiele auch Social Media eine wichtige Rolle dabei, gemeinsame Gebärden für neue Begriffe zu finden. In Zweifelsfällen bespricht sich Zamojski vor der Sendung mit Kollegen, wenn es zum Beispiel darum geht, eine einheitliche Gebärde für den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp zu finden. Unbekannte Namen kann er auch mit Hilfe des Fingeralphabets buchstabieren.

Das simultane Dolmetschen wird dadurch erschwert, dass die Gebärdensprache einer anderen grammatischen Logik folgt als die gesprochene Sprache. Beispielsweise steht das Verb am Satzende. "Das bedeutet, wir warten, bis der Satz zu Ende ist, und können dann unsere Sätze formen", sagt Zamojski.

Wie viele Personen in Deutschland die Gebärdensprache nutzen, ist nicht exakt bekannt. Laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund gibt es bundesweit etwa 80.000 gehörlose Menschen. Hinzu kommen demnach noch ungefähr 140.000 Schwerhörige, deren Behinderung so schwerwiegend ist, dass sie auf Gebärdensprachendolmetscher angewiesen sind.

Um Inklusion geht es auch dem Gebärdenchor "TonZeichen" aus Essen. Sie habe sich schon immer für Musik begeistert, erzählt Sängerin Christiane Terveen, die von Geburt an schwerhörig ist. Für Menschen wie sie gebe es aber nicht viele Angebote: "Weil immer gesagt wird: 'Ach, die ist schwerhörig, da kann man mit Musik sowieso nichts machen'", sagt Terveen. Jetzt ist sie Mitglied in einem Chor, in dem gleichzeitig gesungen und gebärdet wird.

Am vergangenen Sonntag ist der Chor bei einem inklusiven Gottesdienst in Essen aufgetreten. Martina Meurer saß dabei im Publikum, sie ist Vorsitzende des Evangelischen Gehörlosenvereins in Essen. Für gehörlose Menschen sei Gemeinschaft wichtig, der inklusive Gottesdienst schaffe einen Raum dafür.

Singen und Gebärden gleichzeitig: Das macht den Chor von Christiane Terveen (links) besonders.

Während des Gottesdienstes standen zwei Pfarrerinnen am Altar - eine hat gesprochen, die andere gebärdet. Chorsängerin Christiane Terveen würde solche Veranstaltungen gerne häufiger miterleben.

Schwerhörige und gehörlose Menschen könnten zwar prinzipiell an allen öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, blieben oft aber doch außen vor. "Wenn man nichts mitkriegt und nichts hört, dann ist die Teilhabe nicht gegeben", sagt Terveen. Das führe zu sozialer Isolation: "Es ist leichter die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden zu ertragen als die Einsamkeit in der Gruppe." Sie glaubt, dass mehr Angebote in Gebärdensprache gegen diese Form der Einsamkeit helfen könnten.

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