Stand: 19.09.2026 • 14:26 Uhr
Ob Volkswagen, Bayer oder Lufthansa - besonders das mittlere Management steht auf dem Arbeitsmarkt unter Druck. Wie kann es man sich nach einem Aufhebungsvertrag beruflich neu orientieren?
Von Anke Heinhaus, hr
Nach Jahrzehnten im gleichen Unternehmen plötzlich vor dem beruflichen Aus stehen: Für viele Beschäftigte ist das ein Schock. Gleichzeitig nutzen immer mehr Unternehmen Abfindungen und Aufhebungsverträge, um Stellen sozialverträglich abzubauen.
Ein Brief vom Arbeitgeber, eine Einladung zu einem Gespräch - und plötzlich steht die eigene berufliche Zukunft auf dem Prüfstand. Christoph Bröcker erlebte genau das nach 21 Jahren beim Schweizer Technologieunternehmen Zühlke. Er war dort als Manager tätig und weltweit unterwegs.
Dann habe das Unternehmen mit ihm über einen möglichen freiwilligen Abschied gesprochen, erzählt Bröcker. Die Situation habe ihn getroffen, schließlich habe er sich dem Unternehmen über viele Jahre verbunden gefühlt.
Seine berufliche Tätigkeit sei für ihn mehr als nur ein Arbeitsplatz mit gutem Gehalt gewesen. Nach 21 Jahren habe sich eine enge Verbindung zu den Menschen und zum Unternehmen entwickelt. Er habe dem Unternehmen viel zu verdanken. Umso schwerer sei es gewesen, plötzlich über einen Abschied nachzudenken.
Bröckers Geschichte steht beispielhaft für einen Wandel, der derzeit viele Unternehmen und Beschäftigte betrifft. Große Konzerne bauen Stellen ab, gleichzeitig verändern Digitalisierung und Automatisierung die Arbeitswelt. Besonders das mittlere Management gerät dabei zunehmend unter Druck.
Arbeitsmarktexpertin Sophia von Rundstedt erklärt, Unternehmen könnten heute durch Digitalisierung und Automatisierung viele Prozesse anders organisieren. Dadurch würden klassische Führungskompetenzen teilweise nicht mehr in derselben Form benötigt. Gleichzeitig würden Hierarchien flacher und Führungsebenen ausgedünnt oder ganz abgeschafft.
Die Folge: Für manche Manager fällt die bisherige Position weg - und damit nicht selten ein wesentlicher Teil der beruflichen Identität.
Auch Adeel Tariq wurde von einer solchen Situation überrascht. Er sei kurzfristig zu einem Gespräch eingeladen worden und habe zunächst mit einem normalen Personalgespräch gerechnet. Stattdessen sei ihm ein Aufhebungsvertrag angeboten worden. Er sei zunächst völlig schockiert gewesen, berichtet Tariq. Nach vielen Jahren im Unternehmen sei für ihn die Frage aufgekommen, warum ausgerechnet seine Position plötzlich nicht mehr gebraucht werde.
Ein Aufhebungsvertrag kann für Beschäftigte eine Möglichkeit sein, sich mit einer Abfindung vom Arbeitgeber zu trennen. Gleichzeitig sollten Arbeitnehmer eine solche Vereinbarung nicht vorschnell unterschreiben, warnt Arbeitsrechtsanwältin Somia Aziriu-El Ghouz.
Nach ihrer Einschätzung bestehe bei fast allen vom Arbeitgeber vorgelegten Aufhebungsverträgen erheblicher Nachbesserungsbedarf. Diese Verträge seien in der Regel auf die Interessen des Arbeitgebers zugeschnitten. Deshalb könnten wichtige Regelungen fehlen.
Tariq habe sich deshalb juristisch beraten lassen. Gemeinsam mit seiner Anwältin habe er bessere Bedingungen für seinen Abschied aushandeln können. Heute sehe er wieder positiv in die Zukunft. Er wolle sich selbstständig machen und könne sich unter anderem eine Tätigkeit in der Personalberatung vorstellen.
Auch Christopher Bröcker entschied sich nach seinem Abschied für einen ungewöhnlichen Weg. Statt nach einer vergleichbaren Managementposition zu suchen, wagte er den Sprung in eine völlig andere Branche.
Schon einige Jahre zuvor hatte er Cross-Fit für sich entdeckt. Aus dem privaten Hobby entstand schließlich eine Geschäftsidee: Bröcker wollte ein eigenes Cross-Fit-Studio eröffnen.
Die Abfindung verschaffte ihm nach eigenen Angaben den finanziellen Spielraum, diesen Schritt zu wagen. Er habe selbst nicht erwartet, wie gut sich das neue Projekt entwickeln würde. Was zunächst wie ein unfreiwilliger Karriereknick aussah, wurde für Bröcker zu einem Neustart.
Genau diese Flexibilität wird in der neuen Arbeitswelt erwartet: "Der Job von heute wird nicht mehr der Job von morgen sein, die Geschwindigkeit des Wandels in der Arbeitswelt wird weiter zunehmen", sagt Sophia von Rundstedt.
Unternehmen müssten ihre Beschäftigten deshalb dabei unterstützen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und sich kontinuierlich weiterzubilden. Gleichzeitig seien auch die Arbeitnehmer selbst gefordert, sich auf Veränderungen einzustellen.
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