Reportage
Stand: 08.10.2026 • 03:35 Uhr
Die Trauer über die mehr als 1200 Todesopfer vom 7. Oktober vor drei Jahren ist in Tel Aviv groß. 50.000 Menschen versammelten sich, um zu erinnern. Doch es kam auch zu Protesten.
Von Felicitas von Boeselager, ARD Tel Aviv
Wem gehört die Luft? Das Land und das Meer. Wem gehören Gold und Schmuck? Das singt Arkadi Duchin zur Eröffnung der zentralen Gedenkveranstaltung zum 7. Oktober im Yarkon-Park in Tel Aviv.
Er sitzt an einem Klavier auf einer Bühne, so groß, dass sie an ein Popkonzert erinnert. Sein Gesicht erscheint auf den meterhohen Screens, neben ihm ist ein ausgebranntes Haus nachgebildet, davor ein ausgebrannter Pick-up und umgekippte Dixieklos. Sie sollen an den Terror der Hamas in den Kibbuzim und auf dem Gelände des Nova Musikfestivals erinnern.
Vor der Bühne sitzen auf Plastikstühlen etwa 50.000 Menschen, unter ihnen auch Maurice Shnaider. Er erzählt, was der 7. Oktober 2023 für ihn bedeutet. "Es hat mein Leben für immer verändert, weil fünf Familienmitglieder von mir getötet wurden."
Am 7. Oktober hat Shnaider seine Schwester, seinen Schwager, seine Nichte und deren zwei Kinder verloren. In Israel kennen alle die Geschichte seiner Nichte.
Shiri Bibas und ihrer zwei Söhne Ariel und Kfir sind als Geiseln in der Hamas-Gefangenschaft umgekommen. "Ich konnte ewig nicht mehr einschlafen. Ich habe die Augen geschlossen und das Bild von Shiri vor mir gesehen, wie sie mit den zwei rothaarigen Kindern entführt wird. Ariel war nur vier Jahre alt. Ist das ein Feind?"
Er erzählt, dass seine Mutter eine Holocaustüberlebende war. "Das reicht doch. Glaubst du, dass das reicht? Nein, ich glaube nicht. Jetzt passiert wieder so was. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Wieso?"
Shnaiders Geschichte ist eine von schier unzähligen Erlebnissen, die an diesem Tag geteilt werden. Auf dem Screen im Yarkon-Park erscheinen in goldenen Buchstaben die Namen der über 1200 Todesopfer.
Die Veranstaltung am Abend in Tel Aviv ist nur eine von vielen Gedenkfeiern, die über den Tag verteilt im ganzen Land stattfanden. Viele begannen früh am Morgen - um 6:29, als vor drei Jahren in ganz Israel die Sirenen schrillten und der Angriff der Hamas begann.
Die Überlebenden und Hinterbliebenen versammelten sich auf dem Festivalgelände des Nova Musikfestivals in den betroffenen Kibbuzim oder suchten die Ruhe am Grab ihrer Angehörigen.
Aber neben der Trauer gab es auch Protest in Jerusalem, vor der Knesset und auf den Straßen Tel Avivs. Die Demonstranten wollen, dass die Regierung zurücktritt und dass eine unabhängige Untersuchungskommission eingesetzt wird, die ermittelt, weshalb Israels Regierung den Terror vom 7. Oktober nicht hat kommen sehen und nicht verhindert hat.
Ende Oktober wird in Israel gewählt. So findet das Gedenken mitten im Wahlkampf statt. Während Oppositionspolitiker Premierminister Benjamin Netanjahu dafür verantwortlich machen, dass Israel nicht auf den 7. Oktober vorbereitet war, unterstreicht Netanjahu an diesem Tag: Die Regierung werde ihren Auftrag erfüllen und alle Mörder zur Rechenschaft ziehen. Die zentrale Gedenkveranstaltung am Abend in Tel Aviv ist von einem Verein organisiert und unabhängig vom Staat. Es tritt kein Vertreter der Regierung auf.
Maurice Shnaider, der an diesem Tag auch am Grab seiner Familienmitglieder war, sagt, dass die vielen Menschen bei der Gedenkveranstaltung ihn stolz machen. "Wie es mir meine Mutter beigebracht hat, ein stolzer Jude zu sein, stolz darauf zu sein, wer ich bin."
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