Nach der gewaltigen Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und der chinesischen autonomen Region Tibet bleibt die Lage angespannt. Auf tibetischer Seite ist Wasser aus einem See ausgetreten, der sich infolge des Gletscherabbruchs gebildet hatte. Die nepalesische Polizei warnte deshalb an diesem Freitag zunächst vor weiteren Überschwemmungen und forderte Einsatzkräfte und Bewohner auf, sich sofort in Sicherheit zu bringen.
Sowohl chinesische als auch nepalesische Rettungskräfte unterbrachen ihre Arbeit zeitweise aus Sicherheitsgründen. Nach Angaben des chinesischen Staatssenders CCTV mussten sich die Einsatzkräfte wegen der Gefahr weiterer Überschwemmungen rund einen Kilometer zurückziehen.
Das chinesische Wasserministerium sprach zunächst von einem "hohen Risiko" weiterer Überschwemmungen. Später gaben chinesische Staatsmedien vorsichtig Entwarnung. Das Wasser fließe auf natürliche Weise aus dem See ab, berichtete CCTV. Die Abflussmenge sei inzwischen größer als die Zuflussmenge, die Risiken nähmen allmählich ab. Auch die Rettungsmaßnahmen verliefen demnach wieder "geordnet".
Der aufgestaute See liegt oberhalb des chinesisch-nepalesischen Grenzübergangs Gyirong. CCTV zufolge befindet sich seine natürliche Barriere mehr als zehn Kilometer vom Grenzübergang entfernt. Der See liegt auf rund 2950 Metern Höhe und damit etwa 1000 Meter oberhalb von Gyirong.
Die Zahl der Todesopfer in Nepal stieg nach Angaben des Katastrophenschutzes auf mindestens 538. In Tibet bestätigten chinesische Staatsmedien bislang fünf Todesfälle. Insgesamt gelten nach Angaben beider Länder mehr als 1500 Menschen weiter als vermisst.
Darunter sind zahlreiche ausländische Touristen und Pilger. Die nepalesische Tourismusbehörde geht von mehr als 500 vermissten Ausländern aus. Für eine vierköpfige deutsche Familie ist die Flucht vor den Wassermassen in Nepal glimpflich ausgegangen. Sie wurde von der Armee gerettet und per Hubschrauber in ein Armeecamp in Battar Bazar gebracht. Das Auswärtige Amt sprach am Freitag von einer "niedrigen zweistelligen Zahl" vermisster Deutscher, darunter mindestens acht Deutsche. Das Auswärtige Amt in Berlin hatte erklärt, die deutschen Stellen vor Ort seien noch dabei, "belastbare Informationen zum Verbleib deutscher Staatsangehöriger" zu sammeln.
Einige Vermisste waren vermutlich auf dem Weg zum Berg Kailash in Tibet, einer bedeutenden Pilgerstätte unter anderem für Hindus und Buddhisten.
Nach Angaben der nepalesischen Katastrophenschutzbehörde wurden 3253 Menschen mit Hubschraubern aus dem betroffenen Gebiet ausgeflogen. Auf chinesischer Seite brachte man laut CCTV 499 Einwohner und 555 Touristen in Sicherheit. Bei der Suche nach Verschütteten kamen Drohnen, Wärmebildkameras und 3-D-Modelle zum Einsatz.
Am Wasserkraftprojekt Upper Trishuli-1 nahe der Grenze bemühte sich die nepalesische Armee um die Rettung von etwa 100 Menschen, die in einem Tunnel eingeschlossen sein sollen. Schlamm und Geröll erschwerten nach Angaben eines Armeesprechers bereits die Suche nach den Zugängen. Zuvor konnten dort nach Regierungsangaben rund 350 Arbeiter und Bewohner gerettet werden.
Die Sturzflut war am Mittwoch fast 170 Kilometer entlang zweier Flüsse durch Nepal gerast. Wasser-, Schlamm- und Geröllmassen rissen Gebäude, Brücken, Fahrzeuge und ganze Ortschaften mit.
Als Auslöser der Katastrophe gilt ein Gletscherabbruch im Himalaya. Wissenschaftler kamen nach der Auswertung von Satellitenbildern zu dem Schluss, dass Grundgestein unterhalb eines Gletschers eingebrochen und dabei ein Teil des Gletschers mitgerissen worden sei. Felsmassen und Schmelzwasser ließen die Flüsse in den Tälern stark anschwellen. Auch die US-Erdbebenwarte USGS geht von einem Gletscherabbruch als Ursache aus.
Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping leitete an diesem Freitag eine Sitzung zu den Rettungsmaßnahmen in Tibet. "Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um vermisste Personen im In- und Ausland zu suchen und zu retten", sagten Vertreter des Politbüros der Kommunistischen Partei laut Xinhua. Es gebe noch "viele versteckte Gefahren durch Gletscher, Eisseen und geologische Katastrophen". China erwägt demnach Nothilfe für Nepal sowie eine internationale Zusammenarbeit bei den Hilfsmaßnahmen.
pgr/se (afp, dpa, ap, rtr)
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